© Klaus-Peter Kappest

Rund um die Dick Eich - Waldspaziergänge in Haguenau

Ausgabe 136 – August/September 2007

Frankreich

Einer der ausgedehntesten Wälder Frankreichs erstreckt sich gleich hinter der Grenze. Ein gemütliches Wirtshaus mittendrin, gepflegte Wege, Schutzgebiet Natura 2000 und drum herum sehenswerte, hübsche Dörfer. Haguenau, ein liebenswertes St

Im Heiligen Wald

Ein Waldwächter in Betschdorf. Foto: OT du Hattgau
Ein Waldwächter in Betschdorf. Foto: OT du Hattgau

Mathieu, noch kein Dreikäsehoch und auch nicht völlig „trittsicher“, stapft sofort los. Einmal rund um den Stumpf der fünf- oder sechshundertjährigen „Dick Eich“, dem Wahrzeichen des Haguenauer Waldes. Der 1913 vom Blitz getroffene Baum, dessen verbliebener Stamm von einem Blechdach geschützt wird, markiert das Zentrum des Waldgebietes „Le Gros Chêne“. Die Kapelle daneben verweist auf den Heiligen Arbogast, um den sich, wie es sich für einen so alten Wald geziemt, lokale Legenden ranken. Im 6. Jh. hat der junge Adlige aus Aquitanien dem lustigen Leben am Hofe von König Dagobert entsagt, um sich als Eremit in der Waldeinsamkeit von Haguenau niederzulassen, wo er Heiden bekehrte und viele Wunder vollbrachte. Arbogast wurde später der erste Bischof von Straßburg. Im Waldgebiet folgten ihm bis zum Ende des Mittelalters noch zahlreiche andere Eremiten, weshalb dieser Bezirk bald „Heiliger Wald“ genannt wurde. Eine Bezeichnung, die auch heute noch gilt. Jedes Jahr wird am Sonntag, der dem 21. Juli am nächsten liegt, rund um die „Dick Eich“ das Fest des Sankt Arbogast, ganz und gar nicht eremitenhaft, mit Musik und Festessen gefeiert.

Zwischen dem 6. und 13. Jh. entstanden im und am Rande dieses Waldgebietes insgesamt sieben Klöster, von denen, bis auf die Benediktinerabtei in Walbourg, kaum noch Überreste erhalten sind. Eines zerstörte im 16. Jh. ein Rheinhochwasser, die restlichen fielen der französischen Revolution zum Opfer. Der Haguenauer Wald, der etwa 8.000 v.Chr. das gesamte Elsass bedeckte, war jedoch lange vor dem Christentum bereits eine Kultstätte, wie einige keltische Grabhügel und Funde aus der Eisen- und Bronzezeit verraten.

Artenvielfalt

Unsterbliche Eiche, vom Blitz getroffen, aber immer noch aufrecht!
Unsterbliche Eiche, vom Blitz getroffen, aber immer noch aufrecht!

Für unseren kleinen Sportsfreund sind solche historischen Hintergründe natürlich belanglos, sein Interesse gilt eher dem Eberbach, der wie der Halbmuehlbach und die Zinsel du Nord den Haguenauer Wald durchfließen. Bevor sich Mathieu dem Bächlein intensiver widmen kann, nimmt sein Vater den Knirps lieber auf die Schulter. Mit dem Papa als Reittier kann die Wanderung nun auch im Normaltempo fortgesetzt werden.

Durch den Morgen klingt der Ruf eines Kuckucks, ein Eichelhäher fliegt kreischend davon, während sich die kleineren Sänger des Waldes einen Wettstreit liefern, wer am besten und lautesten singt. Vogelkenner können hier rund 48 Arten, darunter auch die geschützten Halsbandschnäpper und Trauerschnäpper, entdecken. Bei abendlichen Spaziergängen ist auch schon mal die seltene Tengmalm-Eule zu hören. Der lauteste Kräher ist allerdings Mathieu, der den Kopf seines Vaters im Takt bearbeitet.

Die gut gekennzeichneten Spazier- und Wanderwege wechseln zwischen schmalen Pfaden und breiteren Schneisen, manchmal geht es durch Jungholz, dann wieder unter alten, ehrwürdigen Buchen entlang. Auf einem Forstweg strampelt uns eine ganze Familie im Gänsemarsch und wie die Orgelpfeifen entgegen: Selbst mit einer größeren Nachwuchsschar kann hier gefahrlosgeradelt werden. Ab und zu kreuzt auch mal ein Mountain-Bike-Fahrer unseren Weg. Mathieu möchte nun wieder auf eigenen Beinen stehen und so folgen wir seinem Erkundungszug, der ihn immer wieder vom Pfad ins Unterholz führt. Wie Vater Frédéric erklärt, sind im Herbst hier gut 1.000 Pilzarten zu entdecken, wohlgemerkt nicht alle sind genießbar.

Mathieu testet inzwischen die Genießbarkeit einiger Gräser, die er sofort wieder ausspuckt. Die unterschiedlichen Böden lassen im Wald von Haguenau eine vielfältige Flora wachsen. Dazu gehören auch Pflanzen, deren Blätter im Munde von Kleinkindern nicht ratsam sind, so je nach Jahreszeit das wohlduftende Geißblatt, Maiglöckchen und Märzenbecher. Bei der wilden Kamille, dem Thymian und Löwenzahn besteht dagegen keine Gefahr. Wir achten inzwischen darauf, dass die Degustationen des kleinen Naturforschers keine nachhaltigen Folgen haben.

Die ungefiederte Fauna des Haguenauer Waldes lässt sich, wenn überhaupt, nur in den frühen Morgen- oder Abendstunden und ohne Begleitung eines fröhlich krähenden Kindes beobachten. Das Waldgebiet bietet Rehwild und Wildschweinen ausreichend Rückzugsgebiete, so dass sie von Spaziergängern nicht gestört werden. Ganz zu schweigen von den hier inzwischen wieder angesiedelten, sehr scheuen Wildkatzen, die kaum jemand zu Gesicht bekommt. Abends gehen in den Feuchtauen Fledermäuse über den Wasserflächen auf Insektenjagd. Am Boden versteckt sich die stark bedrohte Gelbbauchunke, deren Farben an den Feuersalamander erinnern. Diese Unken teilen ihren Lebensraum mit den ebenfalls seltenen KammMolchen.

Typisch Nord-Elsass, kein Brunnen ohne Blumenschmuck. Foto: Marius Wachol
Typisch Nord-Elsass, kein Brunnen ohne Blumenschmuck. Foto: Marius Wachol

Zwar gibt es im Haguenauer Wald auch einige Parzellen mit Monokulturen, doch hauptsächlich erstreckt sich hier ein schöner Mischwald, wobei Kiefern fast 50 Prozent ausmachen. Dann gibt es Buchen und Hagebuchen, Erlen oder Eschen, in den Lichtungen leuchten die weiß gefleckten Birkenstämme. Eichen machen rund 38 Prozent des Waldes aus: Eine Vielfalt, der selbst der große Sturm im Dezember 1999 kein Ende bereiten konnte. Zwar erlitt das Waldgebiet ziemlichen Schaden, besonders im Kieferbestand. Mittlerweile haben aber 2.300 Schüler aus Haguenau mit Neupflanzungen dafür gesorgt, dass die Artenvielfalt erhalten blieb. Die vom Sturm Lothar geschlagenen Wunden sind meist nur noch aufgrund der Jungwaldflächen auszumachen. ...



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