© Klaus-Peter Kappest

Produktübersicht: Pilger-Equipment

Ausgabe 139 – März/April 2008

Know How

Pilgern erlebt gerade wieder einmal eine Renaissance – und das obwohl die Kirchen sonntags leer bleiben und immer noch viele Menschen aus der Kirche austreten. Ob nun alte Traditionen, verwurzelter Glauben, neue Bestseller oder einfach der Outdoorboom dah

Gepilgert wurde immer…

Das Wort „Pilger“ stammt vom lateinischen „pelegrinus“ ab und bezeichnet Menschen, die fremd hinsichtlich des römischen Stadtgebietes waren. Das bezog sich natürlich auf die wallfahrenden Ausländer, die nach Rom kamen. Der Pilger machte sich auf den Weg, um an einem Ort anzukommen. Was man am Ankunftsort wollte, variierte nach persönlichen Zielen. Manche Stätte besuchte man, um das eigene Image zu verbessern, andere, um des späteren Seelenfriedens sicher zu sein, noch andere, weil man sich die Heilung eines Leiden oder ein anderes Wunder erhoffte. Wie auch immer, Pilgern hieß immer, nicht die schnellste, einfachste Fortbewegungsmethode zu nehmen, sondern sich dem Ziel langsam zu Fuß anzunähern. Die Mühsal des Weges war sozusagen die eigene Gesinnungsprüfung.

Was beim gegenwärtigen Pilgerboom noch von den ursprünglichen Gedanken und Anforderungen übrig geblieben ist, ist ein Thema für sich. Das Wandern, die langsame Fortbewegung, ist aber geblieben. Man mag jetzt spekulieren, ob es sich dabei immer auch um Selbstfindung handelt, einfach nur Kult ist oder eine Flucht vor dem schnelllebigen Alltag darstellt, oder ob es der Versuch ist, die Reste der Natur, die uns noch bleiben, möglichst intensiv zu erleben. Fakt ist: Es wird gewandert! Gewandert – und zwar richtig! Pilgern heißt, längere Zeit mit dem auszukommen, was man auf dem Leibe und Rücken trägt.

Leicht macht das Leben leichter

In dem Pilger-Bestseller von Hape Kerkeling, der seit weiterhin die Sachbuch-Charts anführt, fragt sich der Autor wiederholt, was er denn da mache und warum er sich so etwas antue. In der Regel tauchen diese Passagen immer dann auf, wenn es um die Plackereien mit dem Gepäck geht. Das lässt darauf schließen, dass Kerkeling entweder schlecht beraten war oder sich dann doch nicht einschränken mochte. Beides sollte man vermeiden. Beim Pilgerwandern kommt es, wie beim normalen Langstreckenwandern, auf das Gewicht und den dadurch höheren oder niedrigeren Tragekomfort der Last an. Da gibt es keine Unterschiede, selbst bei besten moralischen Absichten. Glaube versetzt zwar Berge, macht aber den Rucksack nicht leichter.

Mit Lightweight-Ausrüstung ist heute nicht gemeint, dass man zur Gewichtsersparnis Löcher in den Zahnbüstenstil bohrt oder ähnliches. Lightweight sind Produkte, die aus den leichtesten Materialien hergestellt werden, die am Markt verfügbar sind. Hier gilt es dann abzuwägen, ob die wasserdichte Jacke, die unter 200 Gramm wiegen kann, wirklich robust genug ist. Immerhin ist eine wasserdichte und atmungsaktive Jacke mit 420 Gramm Gewicht immer noch sehr leicht. Im Vergleich zu den Verhältnissen noch vor zehn bis 15 Jahren sind das immerhin eine Gewichtsersparnis von 50 %.

Abspecken, dem Gewicht zuliebe

Lightweight heißt mitunter auch, dass die Details und Zusatzfunktionen auf ein Mindestmaß reduziert werden. Hier gilt es zu überprüfen, ob die wichtigsten Funktionen erhalten geblieben sind oder ob das Produkt auch qualitativ „abgespeckt“ wurde. Manchmal ist eine 100 Gramm schwerere Jacke mit mehr Funktion doch letztlich leichter, weil sie universeller ist und ein anderes Produkt einspart.

Gewichtsersparnisse sind sinnvoll bei Accessoires (brauche ich die wirklich alle?), bei Bekleidung (z. B. spart Geruchsschutzfunktion viel Wechselwäsche?) und in der „Hardware“, die das meiste Rucksackgewicht ausmacht. Nicht sinnvoll sind Gewichtseinsparungsversuche bei Ausrüstung und Bekleidung, die zum Komfort oder zur Sicherheit unterwegs beitragen. Das Erste-Hilfe-Set gehört ebenso dazu wie Ersatzbatterien. Meist sind Rucksäcke mit einem etwas schwereren Tragesystem passender, weil der Rücken besser gepolstert und geschützt ist. Selbst ein halbes Kilo fällt dann subjektiv weniger ins Gewicht. Der Ehrlichkeit halber darf aber eines nicht verschwiegen werden: Wirklich funktionelle Topprodukte „erleichtern“ auch schneller den Geldbeutel, weil die hochwertigeren Materialien teurer sind. Was einem Gewichtsersparnisse wert sind, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Verlässliche Stabilität ist ein Stück Sicherheit

Auch eine Pilgerwanderschaft ist eine extreme Belastung – zumindest für die Ausrüstung. Der ist es nämlich egal, ob der Weg im Voralpenland oder im Himalaya verläuft. Wer die Produkte tagtäglich über zwei, drei Wochen nutzt, strapaziert sie, hier wie dort. Richtige Outdoor-Ausrüstung ist dann sinnvoll und notwendig. Eine Jeans ist zwar schwerer als eine Hose aus einem Baumwollmischgewebe, aber letztere ist weder abriebfester noch scheuerbeständiger. Hier ist Light sogar stabiler als die Jeans! Der alte Tragegestellrucksack vom Cousin ist sicher weniger angenehm zu tragen als ein Rucksack mit modernem und besser gepolstertem Tragesystem, das sich auf die richtige Rückenlänge einstellen lässt.

Eigentlich ein oller Hut, aber immer gerne vernachlässigt mit schlimmen Folgen, ist die Wahl der Schuhe. Optimal: Gut eingelaufen, aber doch nicht zu alt, damit die Sohlendämpfung noch in Ordnung ist. Wer am Wanderschuh spart, muss meistens unterwegs die Zeche zahlen. Schuhe und Rucksäcke sind die wichtigsten Produkte. Wenn sie nicht richtig passen, werden Sie sich jeden Tag quälen – aber Pilgerwanderungen heute müssen ja keine Qual sein, nur weil sich das im Mittelalter so gehörte. Zur Sicherheit gehört beim Wandern auch ein Paar Trekkingstöcke, denn die Gelenke wollen ebenfalls geschont werden. Trekkingstöcke nehmen viel Gewicht von den unteren Extremitäten. Und sie sind auch Stütze im unebenen Gelände. Zur Wanderklugheit gehört auch, dass man die Langstreckenwanderung langsam angeht. Überbelastungen aus falschem Ehrgeiz rächen sich meist früher als später. Das Wichtigste an einer Wanderung, egal welcher Art, ist, dass man Spaß hat und endlich mal entschleunigt. Dann klappt das mit der Selbstfindung schon auch, früher oder später, ob man auf einem Muschelweg unterwegs ist oder nicht.

Bitte beachten Sie auch die Reportagen zum Titelthema Pilgerwandern.

Downloads

94-97-Produkte-139.pdf (847 KB)

Pilgerequipment.pdf (82 KB)



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

Ausgabe 139

März/April 2008