© Klaus-Peter Kappest

Gran Canaria

Ausgabe 141 – Juli/August 2008

Spanien

Wandern und Träumen zwischen Wüste, Wald und Paradiesgärten

Der Roque Nublo
Der Roque Nublo

Die Wüste, diese Mondlandschaft aus Fels und Sand in allen nur erdenklichen Nuancen von Braun, liegt hinter uns, und vor uns öffnet sich das weite, grüne Tal von Agaete. Ein Paradiesgarten! Das ist der erste Eindruck. Üppige Feigenkakteen, Aloen und Agaven, diese Gewächse mit Hang zur Dramatik, die nur einmal blühen, bevor sie absterben.

Dann wieder Feigenbäume mit ausladenden Ästen, Palmen, Orangenhaine und bunte Blumen am Straßenrand – der Kontrast zur wüstenartigen Landschaft des Südens, die wir eben noch durchfahren haben, könnte kaum größer sein. Das Hotel Casa Rural Las Longueras, in dem wir wohnen werden, ist schon aus der Ferne zu erkennen: mit roten Mauern und leuchtend wießen Fensterrahmen erhebt es sich über die Palmen und Orangenpflanzungen des Tals.

Ein Ort zum Träumen

Höhlenhaus
Höhlenhaus

Im Hotel angekommen, fasziniert die Architektur des Innenhofs: ein merkwürdig stimmiger Mix aus Neogotik und Kolonialstil. Letzterer ist auf der Insel weit verbreitet; viele der Bewohner Gran Canarias machten in den vergangenen Jahrhunderten ihr Glück in Südamerika und kehrten als „gemachte Männer“ wieder auf ihre Insel zurück. Ein Haus wie Las Longueras, erbaut am Ende des 19. Jh. Von einer kanarischen Adelsfamilie, findet sich dennoch wohl kein zweites Mal auf der Insel. Mit nostalgischer Extravaganz und überkommener Noblesse verführt es zum Träumen und Tagträumen wie wenige andere Orte. Ein Blick in den nächtlichen Kakteengarten beschwört Bilder blasser Damen in langen wießen Kleidern herauf, die im Schatten der mächtigen Bäume sticken.

Zum Tamadaba

Glücklicherweise hält das Gran Canaria des 21. Jh. Aufregendere Beschäftigungen bereit: Ganz in der Nähe des Hotels beginnt eine Wandertour, welche die Landschaft des Inselnordens in ihrer ganzen Großartigkeit erlebbar macht. Vom Dorf San Pedro aus nehmen wir den Camino Real, einen jener alten, zum Teil mit Stein gepflasterten Pfade, welche die Küstenorte über die Gebirgszüge des Zentrums miteinander verbanden. Die Sicht von diesem Pfad auf das sanfte, grüne Tal ist atemberaubend – genauso wie der Aufstieg, der sich über satte 1300 Höhenmeter zieht.

Zum Glück gibt es so viel zu sehen, dass keine Zeit bleibt, über die Anstrengung nachzudenken: z.B. die über uns in den Fels geschlagenen Höhlen, eine ehemalige Wohnsiedlung der Ureinwohner Gran Canarias, der Guanchen. In der Ferne sehen wir ihre einstige Hauptstadt Gáldar, wo im Museumskomplex Cueva Pintada Reste der alten Guanchensiedlung zu besichtigen sind. Das Herzstück des Museums ist eine bemalte Höhle, deren geometrische Muster von einigen Forschern als ein hoch entwickelter Sonnen- und Mondkalender gedeutet wird.

„Doch warum in die Ferne schweifen?“, scheint der Weg uns zu fragen und zieht mit Gesteinsformationen, deren vulkanischer Ursprung schon von weitem zu erkennen ist, unser Interesse auf sich. Dann und wann stoßen wir auf einen Aussichtspunkt, schauen bis zur Küste und tief in den angrenzenden Barranco (Schlucht) de Guayedra. Es ist herrlich und dennoch sind wir froh, als wir schließlich den Schatten des Pinienwaldes Tamadaba auf dem Bergrücken erreichen…



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Ausgabe 141

Juli/August 2008