© Klaus-Peter Kappest

Grand Ried: das unbekannte Elsass

Ausgabe 141 – Juli/August 2008

Frankreich

Wer denkt beim Elsass nicht gleich an die Weinstraße, buntes Bilderbuchfachwerk, Vogesenhöhen und die berühmte Sauerkrautplatte „Choucroute“. Diese Region beginnt jedoch gleich hinter dem Rhein mit ausgedehnten Auenwäldern, reizvollen Naturgebieten sowie

Der Biber ist zurück

Geheimnisvolle Wasserader auf der Insel Rhinau
Geheimnisvolle Wasserader auf der Insel Rhinau

Wenn Naturwart Georgi erzählt, dann mischt er auf geniale Weise deutsche und französische Worte mit dem alemannischen Dialekt. Falls es sein muss, kann er die Natur auch mit lateinischen Fachausdrücken erklären. In den Naturschutzgebieten der Insel Rhinau ist der Rhein weder eine Sprach- noch eine sonstige Grenze, denn die Schutzwarte links und rechts des großen Stromes arbeiten gemeinsam am Erhalt des einzigartigen, 2.800 ha großen Auenwaldes, einer der größten, erhaltenen Waldgebiete dieser Art in Europa.

Die Mütze über die Ohren gezogen, der dicke Schnurrbart wippt im Rhythmus der Worte, gibt Georgi Auskunft über das Leben in diesem von Wasseradern durchzogenen Feuchtgebiet. Der noch immer regelmäßig überflutete Auenwald im Grand Ried ist Lebensraum für Schwarzwild, Füchse, Dachse und eine überaus vielseitige Vogelwelt, darunter fast alle Spechtarten. Kaum hat Georgi dies erklärt, unterstreicht das Hämmern eines Vertreters dieser Art lautstark die Worte des Führers.

Auch einige Biber sind zwischen den Tümpeln und Wasseradern wieder heimisch geworden. Allerdings war diese Tierart nicht erst in unseren Zeiten vom Aussterben bedroht, bereits im Mittelalter ging die Zahl dieser geschickten Holzarbeiter schon einmal drastisch zurück. Mönche, die damals die Wälder in der Rheinebene rodeten und das Land trockenlegten, pflegten Biber aufgrund der Form des Schwanzes zu den Fischen zu zählen. Damit sicherten sie sich den saftigen Braten an Fastentagen.

Mit dem Flachboot durch den Auenwald

Durch ein verwildertes Waldgebiet, wo umgefallene, verwitterte Bäume Heimstadt und Nahrung für vielerlei Kleingetier sind, marschieren wir bis zu einem Wasserlauf, an dem die Barke wartet. Der Steuermann stakst uns auf dem flachen Boot durch den Auenwald. Ein regnerischer Frühjahrstag: Und es wird mal wieder deutlich, dass die Natur zu jeder Jahreszeit schön ist. Wie schon Großmutter sagte, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur unangepasste Kleidung.

Das Boot gleitet durch eine verwunschene Landschaft, in der Necken und Wasserjungfrauen zu wohnen scheinen. Binsen und Schilfgewächse bilden einen dichten Vorhang. Langsam schiebt sich die Barke über das unvermutet klare Wasser. An den Stämmen der Silberpappeln ist noch der letzte Hochwasserstand abzulesen. Vorsichtig lässt der Bootsführer das Gefährt durch ein Gewirr von Wasseradern gleiten, immer wieder gesäumt von eigenwillig geformten Bäumen. Man kann sich gut vorstellen, dass der Auenwald in früheren Zeiten für abergläubische Menschen furchteinflößend war.

Ein quer liegender Baumstamm hindert die Barke an der Weiterfahrt. Nun wird klar, warum der Bootsmann hohe Gummistiefel trägt. Er springt ans sumpfige Ufer, schiebt das schwimmende Hindernis zur Seite und wir können weiter durch diese verwunschene Landschaft gleiten. Der Auenwald kann nicht nur eine große Artenvielfalt von Vögeln und Kriechtieren vorweisen, sondern auch Pflanzen: Orchideen und die besonders zahlreichen Pilzarten sind Indikatoren einer weitgehend intakten Natur. Zwischen den noch vorwiegend kahlen Bäumen mit dem allerersten, zarten Grün erscheinen die Blüten des Wießdorns wie ein leuchtender Blumenstrauß. …



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Ausgabe 141

Juli/August 2008