© Klaus-Peter Kappest

Produkte zum Bergwandern: Einfach hoch hinaus

Ausgabe 141 – Juli/August 2008

Know How

Bergwandern ist ein faszinierendes Erlebnis. Das ferne Gipfelkreuz scheint unerreichbar, womöglich zehren schier endlose Serpentinen an der Kraft. Aber einmal oben angekommen, wird man mit einer tollen Rundsicht belohnt und vergisst schlagartig alle Mühsa

Herrliche Bergerlebnisse

Die Berge sind herrliche Kulissengeber und faszinieren auf allen Kontinenten – und beileibe nicht nur die „Großen Gebirge“. Für die Mehrzahl der Wanderer geht es meist auch nicht um extremes Kraxeln auf irgendwelche der „wichtigen“ Gipfel. Zwei, drei Ebenen tiefer ist die Anziehungskraft doch viel größer. Bergwandern ist nicht nur einer kleinen Gruppe von austrainierten, verwegenen Bergsteigern vorbehalten, sondern verhilft der ganzen Wandergemeinde zu herrlichen Bergerlebnissen.

Sicherheit und Leistung

Das deutlich abgespeckte Leistungsniveau ist einerseits ein Vorteil, andererseits aber auch ein Fluch. Berg bleibt Berg und Gebirge auch Gebirge – mit allen Risiken, Wetterumschwüngen und Strapazen. Es ist nämlich ziemlich egal, ob man in einer vergleichsweise niedrigen Höhe von 1.500 Metern einen Grat runterpurzelt oder beim Versuch den Bianco Grat zu gehen, weil man sich nicht ausreichend trittsicher oder schwindelfrei bewegt. Da verwundert es auch nicht, dass die Statistiken der Bergwachten mehr Opfer in tieferen Regionen vermelden als im Gipfelbereich. Wer richtig hoch hinausgeht, kennt sich in aller Regel auch sehr gut aus. Die tieferen Regionen werden dagegen gerne unter- und die eigene Leistungsfähigkeit überschätzt. Deshalb hat auch das Bergwandern etwas mit Sicherheit, richtiger Vorbereitung, sorgfältiger Planung und Erfahrung zu tun. Das betrifft auch die Bekleidung. Bergtaugliche Bekleidung ist immer auch eine Sicherheitsausrüstung und sollte eher mehr können als zu wenig.

An den Füßen fängt es an

Der Trend zu Multifunktionsschuhen wird bei den klassischen Bergschustern und der Bergwacht mit Argwohn betrachtet. Häufig, wie so oft in der Werbung, wird bei der Leistungsfähigkeit schamlos übertrieben. Das „Multi“ bei den Funktionsschuhen bezieht sich nicht auf unterschiedliche Höheneinsätze beim Bergwandern, sondern nur auf die vielfältigen Möglichkeiten im normalen Alltag. Der Multifunktionsschuh ist perfekt bei der Arbeit, in der Freizeit, beim Flanieren, für sportlichere Einsätze wie Nordic Walking oder auch für Spaziergänge, doch niemals für Wanderungen abseits von befestigten Wegen, auf Geröllfeldern, bei starken Steigungen und Abstiegen. Wer in die Berge will, braucht einen Bergschuh – und was das bedeutet ist klar definiert. Zur gängigen Unterscheidung ist die Klassifizierung der Schuhe in die Kategorien A, B, C und D geworden. Diese Orientierungshilfe hat der damalige Firmenchef und Inhaber von Meindl, Alfons Meindl, bereits in den siebziger Jahren entwickelt. A bezeichnet dabei den Leichtwanderschuh für Freizeit und Alltag. B ist der Trekkingklassiker für bequemes Wandern auf festen Wegen und ausgebauten Steigen. C ist der Bergschuh mit zuverlässiger Trittsicherheit für alpines Trekking und D der Hochgebirgsschuh für extreme Einsätze, der auch absolut steigeisenfest in Fels und Eis ist. Bergwanderschuhe sollten also mindestens der B-, noch besser der C-Kategorie angehören. Das bedeutet:

  • fester, hoher Lederschaft für den Knickschutz des Knöchels auf unebenen Wegen,
  • stabile, feste Sohle, bei der Geröll und Bodenunebenheiten den Fuß nicht lädieren können,
  • griffiges, selbstreinigendes Sohlenprofil, damit man auch ordentlich Halt hat.

Dazu gibt es ein paar weitere Vorteile, die die Langlebigkeit des Schuhes erhöhen, z.B. der hochgezogene Gummirand an der Sohle oder den Fuß zusätzlich schützende, stabile Fersenkappen und Zehenboxen. Zum Schuh gehört dann natürlich auch der gut gepolsterte und robuste Socken.

Das Lagensystem: weiterhin unschlagbar

Neben der Tritt- und Schrittsicherheit ist der Schutz des Körpers vor äußeren Einflüssen in den Bergen enorm wichtig. Selbst wenn es im Tal angenehm warm ist, kann es auf einem Gipfel oder Grat ungemütlich kühl werden. Und durch Wind sogar gefährlich kalt. Da man aber beim Auf- und Abstieg gleichermaßen gehörig ins Schwitzen kommen kann, muss man die Bekleidung gut dosieren und variieren können. Mit dem klassischen 3-Lagen Bekleidungs-, oder Zwiebelsystem, klappt das immer noch am besten. Die erste Lage direkt am Körper hat die Aufgabe, die Körperfeuchtigkeit zu managen. Bei Aktivität muss sie den Körper kühlen. Dazu braucht sie die Schwitzfeuchtigkeit des Körpers und leitet sie rasch ab. In Pausenzeiten jedoch muss sie in der Lage sein, die Feuchtigkeit so weit vom Körper weg zu halten, dass dieser nicht auskühlt. Dann kommt der Bekleidung bereits eine wärmende Aufgabe zu.

Isolieren und trotzdem federleicht

Die zweite Lage hat die Aufgabe, die Wärme, die der Körper abgibt, zu konservieren, indem sie durch Bausch und Lufteinschluss isoliert. Der Klassiker ist hier das Fleece oder bei extremer Kälte die Daunenjacke. Da die meisten Menschen eher bei gutem Wetter und bei gemäßigten Temperaturen Bergwanderungen beginnen, kann die zweite Lage auch ein Softshell sein. Das ist meist nicht ganz so warm, bietet dafür aber mehr Schutz gegen Wind und Nässe, so dass man das Softshell auch gut ohne Überjacke tragen kann. Die dritte und äußerste Lage ist der Wind- und Wetterschutz. Der sollte 100% wasserdicht und so atmungsaktiv wie möglich sein. Vor allem bei der dritten Lage ist das Thema Lightweight, also Gewichtsreduktion, ein Trend. Die leichteste absolut wasserdichte und atmungsaktive Jacke liegt bei 152 Gramm und passt in eine Faust. Da kann man allerdings auch nicht das robusteste Material erwarten. Diese Lightweightprodukte sind gute Notjacken für bewegungsintensive Aktivitäten wie Trailrunning oder Langlauf sowie solche, bei denen normalerweise keine Belastung auftritt, z.B. beim Radfahren. Zum Bergwandern sollte die Jacke schon etwas robuster sein. 400 bis 500 Gramm sind für eine rucksacktaugliche Jacke immer noch hervorragend leicht – und einen Rucksack sollte man beim Bergwandern immer dabei haben.

Hose wie Jacke

Zur wasserdichten Jacke gehört meist auch eine wasserdichte Überhose. Die ist zumindest für längere Touren Pflicht. Bei Tagestouren ist man mit einer Softshell-Hose oder einer robusten Baumwoll-Mischhose meist ausreichend geschützt, ohne dass man eine zusätzliche Überhose dabei haben muss. Zum einen friert man an den Beinen nicht so schnell und auch die Auswirkungen nasser Beine sind nicht so schlimm wie die eines nassen Oberkörpers. Außerdem sind die Softshell-Hosen meist sehr viel angenehmer zu tragen, weil sie elastisch sind und die Beweglichkeit nicht einschränken.

Tipp: Funktionsbekleidung und Bergwanderschuhe kauft man am besten im Fachgeschäft. Und zwar in einem spezialisierten Ausstattungs- und Bekleidungsgeschäft, in dem Beratung groß geschrieben wird! Billig ist wahrhaftig nicht ausreichend für die Anforderungen.



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