© Klaus-Peter Kappest

Wandern als Wissenschaft

Ausgabe 141 – Juli/August 2008

Know How

Wandern ist Erkenntnisobjekt der Wissenschaft, zumindest für das Institut für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Über die Zukunft des Wanderns, die digitale Revolution und die Rückkehr zur neuen Einfachheit hat Wandermagazin

Wandern könnte der Einstieg in einen nachhaltigen Lebensstil sein Prof. Dr. Ralf Roth
Wandern könnte der Einstieg in einen nachhaltigen Lebensstil sein Prof. Dr. Ralf Roth

Zur Person: Professor Dr. Ralf Roth, Jahrgang 1963, ist Direktor des Instituts für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der gebürtige Schwarzwälder forscht u.a. im Bereich nachhaltige Angebots- und Tourismusentwicklungen in Natursporträumen sowie ökologische Wirkungsanalysen und Risikomanagement, ist Vorsitzender des Innovations- und Technologiezentrums für Nachhaltige Sportentwicklung (CENA) und Vater von drei Kindern.

Wandermagazin: Ein Tätigkeitsfeld Ihres Instituts ist der Wandertourismus. Warum eigentlich?

Roth: Ganz einfach, Wandern gehört zu den Bewegungs- und Sportformen in Natur und Landschaft. Darum kümmern wir uns auch ums Wandern. Aktuell arbeiten wir an der Entwicklung eines Wanderportals für den Bergwanderpark Hochsauerland mit etwa 2.000 km Wegeinfrastruktur.

Wandermagazin: Tourenportale sind aktuell ziemlich in Mode. Wodurch unterscheiden sie sich voneinander?

Roth: Es gibt Datenbanken, die Strecken einfach nur visualisieren, andere ermöglichen die Navigation und das Routing im virtuellen Gelände. Tourentracks in den gebräuchlichen Formaten lassen sich inzwischen bei allen herunterladen. Ich glaube, dass mittelfristig weniger die softwaregestützten Features entscheidend sind, sondern die Qualität der Daten und die Fähigkeit zu deren permanenter Pflege.

Wandermagazin: Welche Themen- und Nutzerprofile sehen Sie?

Roth: Es müssen physiologisch relevante Informationen vorgehalten werden, z.B. Hangneigung, Untergrund und Belastungsprofil einer Strecke. Daraus kann es Empfehlungen für verschiedene Zielgruppen geben. Einschließlich des voraussichtlichen Energieverbrauchs. Es müssen aber auch psychologische Informationen erfasst werden, die Einfluss auf das Wohlbefinden haben, etwa Lage und Qualität von Ruhebereichen, Aus-, Fern- und Überblickspunkte.

Wandermagazin: Internetfernsehen, Livepaper, audio- und videoanimierte Webauftritte – wohin entwickelt sich die digitale Wander-Bühne und kommen die Nutzer da noch mit?

Roth: Eine schwierige Frage. Würden Sie sie im Zusammenhang mit jüngeren Sport- und Bewegungsformen stellen, würde ich vermutlich sofort mit Ja antworten. Im Bereich der Jugend gehören diese Lebensstilelemente inzwischen dazu. Vielleicht ist Wandern aber die Gegenbewegung dazu – die Rückkehr zu einem bewegungstechnisch einfachen, aber in der Summe besonders autarken Erlebnisstil, die Rückkehr zu klassischen Erlebnisgütern wie Einfachheit, Authentizität, Autarkie und ursprünglicher Sinnlichkeit in schöner Landschaft. Da würde eine digitale Revolution genau diese Erlebniszugänge sogar massiv stören.

Wandermagazin: Gestatten Sie mir trotzdem einen Blick ins Jahr 2020: der Wanderer dann mit brillenintegriertem Navigationssystem und Erfassungssensoren in der Funktionsbekleidung für Puls, Kalorienverbrauch und dergleichen?

Roth: Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht so kommen wird. Jedenfalls dann nicht, wenn es gelingt, Bewegung in naturnaher Landschaft als Gegenbewegung zu etablieren. Das heißt natürlich nicht, dass sich aus der klassischen Disziplin heraus nicht auch Varianten entwickeln, die dem digitalen Szenario näherstehen. So wird es etwa im Präventions- und Gesundheitsbereich interessant sein, welche Wattzahl ich in Abhängigkeit vom Bewegungsprofil und der benutzten Strecke erzeuge und wieviel Kalorien ich verbrauche.

Wandermagazin: Dem guten alten Wandern wird aufgrund seiner breitbandtherapeutischen Wirkungen ein noch weitgehend ungenutztes Potenzial attestiert. Stimmen Sie zu?

Roth: Ich bin mir sicher, dass die Bedeutung des Wanderns für Gesundheit und Erholung enorm groß ist und es ist dringend nötig, seine gesundheitlichen Wirkungen aufzuzeigen und zu dokumentieren – insbesondere die der monetären Art. Eine Herausforderung ist es, den gesundheitsrelevanten Wert zu dokumentieren. Die zweite Herausforderung sehe ich darin, wie wir die zur Verfügung stehende Fläche des Erholungs- und Bewegungsraumes systematisch definieren, legitimieren und bewegungsrelevant entwickeln. Die dritte Herausforderung ist die Entwicklung von Mobilität – im Alter und bei Kindern. Hier überall spielt Wandern eine bedeutende Rolle.

Wandermagazin: Aktuell haben wir in Deutschland ca. 5.000 km zertifizierte Wanderwege. Was halten Sie von der Zertifizierung als Prädikatswege und was generell davon, Wegeinfrastrukturen nach erlebnisdramaturgischen Gesichtspunkten zu komponieren?

Roth: Zunächst einmal halte ich es für richtig, dass wir Wanderprodukte qualitativ entwickeln. Durch Qualifizierung eine Selektion zu betreiben fördert die Attraktivität. Es ist richtig und wichtig, Erlebnishöhepunkte erlebbar zu machen. Schwierig wird es allerdings, wenn sie künstlich inszeniert sind und die Zertifikate zu sehr als Geschäftsmodell daherkommen. Die Konkurrenz von Prädikaten fördert eher die Verwirrung des Gastes denn die Heraushebung im Wettbewerb der Wanderwege. Vor allen Dingen attestieren die Prädikate nur eine objektivierte Qualität und helfen aber nicht bei der Charakterisierung der Erlebnisprofile. Genau darauf kommt es für die Markenbildung an.

Wandermagazin: Bleiben wir beim Thema Erlebnisse. Stimmt es, dass einer der Antriebe zum Wandern in der beispiellos alternativlosen Erlebnisfülle der Natur als Gegenentwurf zum künstlich dominierten Alltag liegt?

Roth: Wir sind davon überzeugt, dass es um die Erlebnisvielfalt geht und dass diese von Mensch zu Mensch permanent wechselt, so wie sich die „Spielbedingungen“ in der Natur fortwährend verändern. Letztlich geht es um eine Vielfalt von möglichst positiv besetzten Erlebnissen. Die Inhalte und Dimensionen können ganz unterschiedlich sein. Wandern ist Bewegung, hinzu kommen die frische Luft, die temporäre Mitgliedschaft in einer lockeren, hierachiefreien sozialen Wertegemeinschaft. Wir wissen aber auch, dass ganz klassische Erlebnismomente wie Raum, Zeit, Spannung, Farben- und Lichtspiele, Ruhe und Stille oder Grenzerfahrungen eine Rolle spielen. Wir sollten Wanderwege so planen, dass wir halbe und ganze Erlebnistage generieren. Aspekte wie An- und Abreise, Ankommen und Starten spielen eine gravierende Rolle. Größten Wert lege ich persönlich auf die Integration des Gastes in die soziale Wertegemeinschaft eines Erlebnis-, Bewegungs- und Erholungsraumes.

Wandermagazin: Es gibt Stimmen, die sagen, Wandern – und darunter verstehe ich bewusst die gesamte Bandbreite multioptionalen Wanderns – müsse als eine Art Lebensgefühl oder gar Lifestyle etabliert werden. Was halten Sie davon?

Roth: Wir müssen eine neue Outdoorkultur entwickeln. Wir beobachten aktuell bei unseren Studenten, dass sich das Draußenleben und -bewegen verstärkt und für individuelle und soziale Interaktionen bedeutender wird. Die besondere Bedeutung der Nachhaltigkeit, Bildungsfragen der nachhaltigen Entwicklung, Ressourcenschonung, ökologisch motivierte Entscheidungen – das alles lässt darauf schließen, dass wir in Deutschland wieder auf eine neue Kultur der Natur zusteuern. Wandern als eine der Natursportformen könnte der Einstieg in einen nachhaltigen Lebensstil sein.

Die Fragen stellte Wandermagazin-Chefredakteur Michael Sänger

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