© Klaus-Peter Kappest

Die Wanderwelle: Neues aus der Wanderforschung. Von Dr. Rainer Brämer

Ausgabe 143 – November/Dezember 2008

Know How

Jahrzehntelang war Wandern in der Öffentlichkeit kein Thema. Daher hat es auch geraume Zeit gebraucht, bis die dramatische Trendwende bemerkt wurde: Statt immer weiter zu schrumpfen, nahm die Zahl der wanderfreudigen Deutschen in den 90er Jahren wieder zu

Inzwischen hat sich das Erstaunen über den neuen „Megatrend“ gelegt, Wandern hat den ihm gebührenden Platz in der öffentlichen Aufmerksamkeit eingenommen. Auch die Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse (AWA), die auf einer jährlichen repräsentativen Umfrage bei über 20.000 Bundesbürgern beruht, zeigt eine Beruhigung. Zwar ist Wandern mit 37 Mio. Aktiven der absolute Spitzenreiter unter den Gehsportarten, Zuwachsraten aber bleiben aus.

Die Zahl der wanderaktiven Deutschen hat sogar abgenommen. 2005 gaben noch 63% der Befragten an, gelegentlich oder häufig zu wandern, 2008 waren es nur noch 56%. Allerdings fiel der Zuwachs zu Beginn des Jahrzehnts auch fast schon zu rasant aus. 1985 rechneten sich nur 45%, 1995 bereits 50%, 2005 besagte 63% der Bundesbürger den Wanderern zu. Demnach hat sich die deutsche Wanderbewegung seit 2000 jährlich über eine Million Zeitgenossen vergrößert (siehe Grafik).

Statistische Wanderwelle

Statistisch zeichnet sich eine regelrechte „Wanderwelle“ ab, die gleichzeitig das Geschehen erklärt. Zu berücksichtigen ist nämlich, dass hinter den AWA-Daten subjektive Selbstbekundungen stecken. Womöglich hat der Medienrummel Manchen veranlasst, sich bereits auf Grund seiner Spaziergewohnheiten trendmäßig als Wanderer zu klassifizieren. Als aber Mitte des Jahrzehnts neue, anspruchsvollere Wanderwege deutlich machten, dass Wandern erhebliche körperliche Anforderungen stellen kann, hat sich wieder Ernüchterung breitgemacht. Aus dieser Sicht kommt es derzeit nur zu einer Normalisierung, was die Begriffe zurechtrückt.

Für die Vermutung einer medienbedingten Überreaktion, neuhochdenglisch Hype genannt, sprechen weitere Fakten. So zeigt der Vergleich der unter Studenten durchgeführten „Profilstudien Wandern“ aus 2001 und 2007, dass das Verständnis von Wandern gerade bei Jüngeren neuerdings wieder mit sportlicheren Anforderungen, umfangreicheren Tourenplanungen und bergigeren Landschaften verbunden ist. Wandern grenzt sich stärker von Spazieren ab. Hierzu dürften nicht zuletzt die neuen etappen- und steigungsreichen Leitwanderwege beigetragen haben.

Überschwappende Trendwoge

Dr. Rainer Brämer ist Natursoziologe und 1. Vorsitzender des Deutschen Wanderinstitut e.V.
Dr. Rainer Brämer ist Natur-soziologe und 1. Vorsitzender des Deutschen Wanderinstitut e.V.

Für das bloße Überschwappen einer Trendwoge spricht auch ein statistisches Argument. Zwischen 1985 und 2000 nahm die Wanderquote unter den Deutschen ohne jegliche Medienbegleitung pro Jahr um ca. 0,5% zu, was einem jährlichen Zuwachs um gut 300.000 Anhänger entspricht. Extrapoliert man diesen Zuwachs linear bis 2008, beträgt die Quote 56,5% – nahezu der AWA-Wert dieses Jahres von 56,4%.

Die Statistik ist also wieder in der Normalität angekommen, die von Rothaarsteig, Rheinsteig und Konsorten erzeugte Bugwelle abgeklungen. Dafür, dass es sich nicht um eine reine Modewelle handelt, mit der es weiter bergab geht, spricht auch die langfristige Kontinuität der Zuwächse, die sich unter der Bugwelle fortgesetzt hat. Die stichhaltigste Interpretation der neueren Daten ist folglich die einer gesunden Konsolidierung auf hohem Niveau. Hierfür spricht auch der Vergleich der Studentenbefragungen: Während 2001 54 % des Nachwuchses zu Protokoll gaben, gern zu wandern, waren es 2007 67 %. Da kommt also noch etwas auf uns zu.

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