© Klaus-Peter Kappest

I would walk 500 miles: Kolumne von Manuel Andrack

Ausgabe 144 – Januar/Februar 2009

Know How

Ich war mal wieder wandern. In den schottischen Highlands. Die kannte ich bisher nur aus Filmen, in denen sich der Highlander Christopher Lambert oder der Braveheart Mel Gibson mit nackt-unrasierten Beinen grüne Hügel hinunterstürzten, schwertschwingend u

Der Autor: Manuel Andrack
Der Autor: Manuel Andrack

Ich fuhr früh morgens von Glasgow aus los. Der Schotte an sich hat eine Affinität zum Busfahren. Allein in Glasgow gibt es mehrere riesige Busbahnhöfe mit unzähligen Nah- und Fernbussen. Das Ticketsystem ähnelt dem der Deutschen Bahn, es gibt also Supersparpreise mit Busbindung, verbilligte Rückfahrkarten und teure Spontantickets. Ich hätte mir einen Komfortbus mit Toilette für die dreistündige Fahrt gewünscht, es gab aber nur eine Klapper- und Rappeltour.

Als Ausgangspunkt meiner Wanderungen hatte ich mir Fort William ausgesucht, einen ehemaligen Garnisonsort, gegründet, na? – richtig, von einem gewissen Sergeant William. Dieses Fort William liegt am Loch Linnhe, unterhalb des Ben Nevis am Glen Nevis. Lochs, Glens und Bens, mit diesen geographischen Bezeichnungen kann man sich ganz gut in den Highlands durchschlagen. Die Lochs sind, klar, kennt man von Loch Ness, die Seen Schottlands, mit charakteristisch länglicher fjordartiger Form.

Kleiner Exkurs zu Loch Ness: Ich las kürzlich, das Geheimnis um das Loch und sein angebliches Seeungeheuer sei gelöst. Alles sei ganz einfach. Das berühmte Foto von 1934, das den verschwommenen, saurierhaften Hals von Nessie zeigt, ist von einem veritablen Zirkusdirektor geschossen worden. Dieser hat damals mit seinen Artisten Schaustellern und Tieren an den Ufern des Loch Ness gastiert. Und was der für Tiere dabei gehabt hat. Unter anderem Elefanten! Und die baden und tauchen gerne. Denn was wir auf dem alten, verschwommenen Bild sehen, ist ganz banal der Rüssel eines abgetauchten Elefanten. Exkurs beendet.

Und die Glens, das sind die tiefeingeschnittenen Täler der Highlands und die Bens, das sind die Berge. Wobei Ben Nevis etwas ganz besonders ist, denn er ist mit 1.343 Metern der höchste Berg Großbritanniens. Dazu später mehr.

Auf dem West Highland Way

Schottland: Bens und Glen, Foto: Manuel Andrack
Schottland: Bens und Glen, Foto: Manuel Andrack

Der bekannteste Weitwanderweg des westlichen Schottlands ist der West Highland Way. Über 7 Etappen und 153 Kilometer führt er von Glasgow nach Fort William. 7 Tage Zeit hatte ich nicht, also bin ich nur die letzte Etappe gegangen. Die führt von Kinlochleven, am Ende des Loch Leven gelegen, nach Fort William. Loch spricht man wie im Deutschen „Loch“ aus, was für alle Gälisch-sprachigen okay ist, alle Briten aber wohl vor große phonetische Probleme stellt, die wir vergleichbar mit dem ti-eitsch haben.

Der Einstieg in den West Highland Way, kurz WHW, war in Kinlochleven schnell gefunden. Gut markiert ging es bergan. Und der Pfad war traumhaft schön. Schmal wand er sich den Anstieg hinauf, nicht in dumpfen Kehren, sondern abwechslungsreich dem Gelände angepasst. Durch lichte Wälder, über gurgelnde Bäche, und immer wieder gab es großartige Ausblicke auf Kinlochleven und den Loch. Dann hatte ich ungefähr 300 Höhenmeter erreicht. Höhenmeter bedeuten in Schottland Netto-gleich-Bruttohöhenmeter, weil es von den Lochs aus fast auf Meereshöhe bei vier bis fünf Metern losgeht. Und in dieser Höhe von 300 Metern blieb es dann plus minus auch die ganze Wanderung über 25 Kilometer bis Fort William. Sooo hoch sind die Highlands gar nicht, Sauerstoffnot braucht man dort nicht zu fürchten.

Nach dem Anstieg öffnete sich der Blick in ein langes Tal und man konnte schnell sehen, dass der WHW über Kilometer auf Drittelhöhe in diesem Tal verlief. Das finde ich normalerweise super-öde, dass man also sieht, wo man die nächste halbe Stunde entlanglaufen wird. Dort fand ich es seltsamerweise total entspannend. Obwohl die Landschaft nicht viel zu bieten hatte.

Wandern ohne Schnickschnack

Ein Baum war zu sehen, obwohl nur 300 Meter hoch, fühlte ich mich an alpine Täler oberhalb der Baumgrenze erinnert. Und es gab wundervoll schottisches Wetter. Ein bisschen Sonne, dann wieder Wolken, ein Regenschauer und schon spannte sich wie auf einem Kitsch-Gemälde ein riesiger und ungeheuer farbintensiver Regenbogen über dem Tal. Schottisches Wetter ist wie Aprilwetter, aber nur, so hörte ich, außerhalb des Aprils. Denn jener ist wohl der schottische Wonnemonat mit den niedrigsten Niederschlägen im ganzen Jahr. Markierungen gab es hier nicht, wozu auch? Anders als in deutschen Mittelgebirgen, wo unzählige Pfade und Wege vom Hauptweg abgehen, gab es hier nur EINEN Weg, DEN Weg. Ich kam zu einer Wüstung, einem ruinösen Haus, dass man laut Schild bloß nicht betreten solle, KEEP OUT. Warum sollte man auch hineingehen, es bot sowieso keinen Regenschutz.

Wanderverwöhneinrichtungen wie Schutzhütten, Wanderbänke oder gar kleine Brücken kennt der Schotte nicht. Wenn kleinere Bäche zu überqueren sind, muss man entweder einen gewaltigen Satz machen, kunstvoll über Steine balancieren oder sich nasse Füße holen. Wandern ohne Schnickschnack eben.

Sehr lustig waren auch die Schafe. Diese bewohnten die kargen Wiese des Tals, Entschuldigung: Glens, und waren nicht sehr neugierig auf den wandernden Eindringling. Man könnte sie sogar als eher scheu bezeichnen, liefen sie doch immer weg, sobald ich mich ihnen nähern wollte. Nein, nicht was sie jetzt denken, ich vergehe mich doch nicht an Schafen. Ich wollte nur ein Foto machen und die Viecher rannten einfach weg. Ich beschimpfte die Schafe etwas artfremd als „feige Schweine“. Ha, das hatte gesessen!

Zickenstress

Hinter dem verlassenen Haus überholte ich drei junge Damen, hochgerüstet mit allem, was die Wanderindustrie im Angebot hat. Sie sahen aus wie Deutsche, irgendwie sieht man sowas, ich grüßte und ihr Zurückschweigen war fast schon aggressiv. Ich hatte denen doch nichts getan! Ich hatte eher den Eindruck, als ob eine bedrohliche Wolke Zickenstress über den drei Mädels hängen würde. Sie hatten schwere Rucksäcke auf dem Rücken, waren wahrscheinlich schon über sechs Tage unterwegs, und ich stellte mir vor, dass das Gruppenklima vielleicht inzwischen etwas frostig geworden war. „Du hast nicht gesagt, dass es so kalt und nass werden wird, Yvonne!“ – „Dass ich meine Tage habe, interessiert hier wohl niemanden, typisch!“ – „Könnt ihr mal ein wenig Rücksicht nehmen und nicht so durch die Gegend rasen“ – „Bei dem Tempo schläft man ja ein“ – „Ich hasse dich.“ Ich bezweifle, dass die drei überhaupt am Ziel in Fort William angekommen sind.

Sensationelle Bierkultur

Als die langen Täler drohten langweilig zu werden, ging es auf dem West Highland Way in den Wald. Dort war es absolut großartig, in langen Streifen fiel das Sonnenlicht durch die Fichten. Die letzten Kilometer nach Fort William hinab waren dann nicht so der Knaller, viele Forstwege, Krach durch Straßenbau, aber das Bier im Pub tröstete mich über das alles hinweg. SEN-SA-TIO-NELL! Einem bösen Gerücht zufolge liebt der Brite sein Bier ja schal und warm, hält sogar zur Not einen Tauchsieder in sein Gebräu, sollte es nicht die richtige Temperatur haben. Alles Quatsch, das Bier ist eiskalt, man kann oft aus bis zu zwanzig (!!!) Bieren vom Fass auswählen. Und dort gibt es helles Lagerbier mit viel Kohlensäure und Ale mit wenig bis gar keinen Bubbels. Und da hatte ich die Erleuchtung! Kein Mensch braucht Kohlensäure im Bier. Frische vortäuschend verhilft es nur zu Magengrimmen und dauernden Bäuerchen. Ich liebe Bier ohne Kohlensäure!

Gezahlt wird im Pub immer direkt an der Theke, Trinkgeld wird verwundert zurückgewiesen oder beleidigt angenommen. Man ist doch keine Thekennutte! Richtig so, das krankhafte immer und überall Trinkgeldgegebe in Deutschland an wildfremde Kellner, die man in seinem Leben nie wieder sieht, hat doch außer einer oberflächlichen Gewissensberuhigung Null Nährwert.

Ich war untergebracht in einem verwunschenen Bed & Breakfast, gelegen in einem Pfarrhaus von 1880. Zum Frühstück auf karierten Tischdecken konnte man sich die grässlichsten englischen Frühstücksscheußlichkeiten aussuchen. Ich entschied mich für gebratene Pilze, Spiegelei, Tomaten und Haggis. Das ist nicht der Wachhund aus Harry Potter, sondern die schottische Nationalspeise. Gehackte Lamminnereien mit Zwiebeln und Gewürzen vermengt. Schmeckt natürlich viel besser, als es sich anhört. Wenigstens weiß man, was in dem Hackbrei drin ist, das möchte man bei einer deutschen Frikadelle gar nicht wissen.

Der Monsterberg Ben Navis

Dann machte ich mich auf zum Fuß des Ben Nevis. Dort befindet sich ein niegel-nagel-neues Besucherzentrum. Dort lernt man, was man alles auf diesen schottischen Monsterberg mitnehmen muss. Außer der Trillerpfeife hatte ich alles dabei. Ich hatte sogar einen Rucksack dabei. Auch in Schottland heißt ein Rucksack Rucksack. Rucksack und Loch, in Schottland kann man sich ganz gut mit der deutschen Sprache durchschlagen.

Ich sprach mit Wanderern, die am Vortag auf Ben Nevis gewesen waren. Dort hatten sie bei zwei Grad genau zehn Meter in den Nebel schauen können. Das letzte Drittel des Aufstiegs ging über Steingeröll, der den ganzen Gipfel bedeckt. „Worst mountain ever“ sagten die Burschen und ich entschloss, den Ben Nevis Ben Nevis sein zu lassen und im Tal zu wandern. Das Glen Nevis ist schon für manchen Film Kulisse gewesen. Ob „Highlander“ oder „Braveheart“ oder „Harry Potter“, dieser Glen wird immer gerne als Kulisse für’s wildromantische Schottland genommen. Richtig weit bin ich allerdings nicht gekommen. Der Fußpfad am Fluss entlang, auf einer Karte zu recht nicht zu finden, ist ein wahres Feuchtgebiet. Sobald man denkt, „Prima, die Stelle ist super“, geht es Flatsch! Und der Fuß sinkt ein. Ich ging nach dem Motto „Ist das Schuhwerk erst ruiniert, geht es sich ganz ungeniert“, zog es aber vor, mit dem Bus nach Fort William zurückzukehren.

Ich möchte auf jeden Fall auch nach Schottland zurückkehren, denn ich möchte das komplette Glen Nevis erkunden und auch andere schottische Landschaften. Schottland ist für mich als Mittelgebirgswanderer genau das richtige: keine extremen Steigungen und sauerstoffarmer Höhen, große Landschaft und leckeres Bier. Was will man mehr. Wie es im 80er-Jahre-Hit der Proclaimers so schön heißt: „I’m gonna walk 500 miles and I would walk 500 more!“



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