© Klaus-Peter Kappest

Herbstzeit = Sturmzeit?

Ausgabe 149 – November/Dezember 2009

Know How

Der Herbst ist uns allen schon aus der Kinderzeit als besonders windige Jahreszeit in Erinnerung. Gilt er doch als die beste Zeit, um Drachen steigen zu lassen. Und auch Wandern ist im Herbst, wenn die Blätter sich bunt färben, besonders schön. Es sei den

Eigenartig ist, dass der Herbst üblicherweise eher mit schönem, beständigem und windschwachem Wetter beginnt: dem Altweibersommer Ende September. Dieser wird oft abgelöst von einem schon deutlich kühleren, aber manchmal recht langen „goldenen“ Oktober. Eigenartig auch, dass in der Statistik die bedeutsamsten Orkane der letzten Jahre, wie Wiebke (1990), Anatol (1999), Lothar (1999), Anna (2002) und Kyrill (2007), fast durchweg von Dezember bis Februar auftraten. Sind die so genannten Herbststürme also eher Winterstürme? Und vor allem: Haben die Stürme in Deutschland zugenommen?

Sonne – Motor des Wetters

Tatsächlich sind die Übergangszeiten Frühling und Herbst in unseren Breiten Zeiten einer grundsätzlichen Änderung unserer Witterung. Der Frühling beendet den Winter, der Herbst bereitet ihn vor. Dies alles wird verursacht vom Lauf der Sonne, Motor unseres Wetters. Ab der Sonnenwende werden die Tage auf der Nordhalbkugel kürzer, die eingestrahlte Sonnenenergie nimmt stetig ab. Besonders in polaren Breiten sinken die Lufttemperaturen stark ab. Auch die große Landmasse Europas und Asiens und die darüber befindliche Luft kühlt in den länger werdenden Nächten immer schneller aus. Tagsüber scheint die Sonne nicht lange genug, um das Temperaturdefizit auszugleichen. Die Natur reagiert, so verfärben sich die Laubbäume und werfen schließlich ihre Blätter ab.

Wind – die Ausgleichsströmung 

Über dem Nordatlantik ist jedoch lange Zeit noch die Welt in Ordnung. Wasser reagiert wesentlich langsamer auf die verminderte Sonneneinstrahlung, zudem führt der Golfstrom weiterhin relativ warmes Wasser heran. Immer dann, wenn nun im Herbst kalte polare Luftmassen weit nach Süden strömen und über das noch recht warme Atlantikwasser streichen, bewirken die starken Temperaturunterschiede besonders starke Druckunterschiede. Je größer die Druckunterschiede aber zwischen dem entstehenden Tief und den umgebenden Hochs ist, desto stärker wird die Ausgleichsströmung: der Wind.

Ruhe nach dem Sturm

Foto: Tourismus Marketing Baden-Württemberg
Foto: Tourismus Marketing Baden-Württemberg

So kommt es, vor allem Ende Oktober und im November, gerne zu Wetterlagen mit erhöhten Windgeschwindigkeiten in Westeuropa – oft auch zu ersten Sturmlagen und Sturmfluten an den Küsten. Im Dezember verschärft sich die Situation nochmals. Bleiben die Wassertemperaturen im Atlantik nämlich weiterhin hoch, treten über Europa früher oder später Orkane auf, also Stürme mit Winden der Stärke 11 und 12 nach Beaufort.

Nach wie vor lässt sich übrigens in den Statistiken der letzten Jahrzehnte kein eindeutiger Anstieg von Stürmen an deutschen Küsten nachweisen. Das belegen Untersuchungen am Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes in Hamburg. Auf einige Jahre mit erhöhter Sturmtätigkeit folgte fast immer wieder eine ruhigere Phase.


Gerhard Lux
Gerhard Lux

Von Gerhard Lux, Dipl.-Meteorologe, Pressereferent und Sprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach am Main.



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist als Print­version vergriffen, unter www.united-kiosk.de aber komplett als epaper erhältlich.

Ausgabe 149

November/Dezember 2009