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Was ist ein schöner Wald?

Ausgabe 151 – März/April 2010

Know How

Fragt man Wanderer, in welcher Gegend sie am liebsten unterwegs sind, so sprechen sie sich vor allem für eine aussichtsreiche und waldreiche Landschaft aus. Einschlägigen Freizeitstudien zufolge sollten attraktive Erholungsgebiete über 50 bis 70 Prozent W

Von Rainer Brämer, Natursoziologe

Rainer Brämer
Rainer Brämer

88 % der Deutschen unterschrieben 2009 den Satz „Der Wald ist voller Schönheit“. Allerdings gilt das nicht für jede Art von Wald. Erhebungen zufolge stoßen monotone, von Stangenholz geprägte Waldbilder ebenso wie Dickichte und strauchartiger Unterbewuchs auf Ablehnung. Als unangenehm werden auch zerfahrene Wege, Biker und zu viele Besucher empfunden. Denn zu den höchsten Werten des Waldes zählen nach wie vor auch Stille und Ruhe.

Besonders geschätzt wird ein abwechslungsreicher Wald mit vielen alten Bäumen. 82 % der Deutschen schließen sich der Aussage an: „Am Wald schätze ich seine Lebendigkeit und Vielfalt.“ Im Sommer kommt der tiefe, geschlossene Wald als Schattenspender zum Zuge, ansonsten werden eher lichte als dichte Wipfel bevorzugt. Am meisten Zuspruch erhält ein Wald dort, wo er keiner mehr ist: an Waldwiesen und Lichtungen, Sichtschneisen und Ausblicken. Im Frühjahr und Herbst kommen verstärkt auch Waldränder zu Ehren. Den Waldboden sieht man am liebsten mit Nadel- oder Laubstreu bedeckt, akzeptiert wird auch noch eine Begrünung durch Gräser, Kräuter und Moose.

Eine seit Jahrzehnten Waldbesuchern gestellte Frage betrifft die Vorliebe für die verschiedenen Baumbestände. Stets entscheidet sich die überwiegende Mehrheit für den Mischwald. Was dagegen die Bewertung von reinen Laub- und Nadelwäldern betrifft, so hat sich in den letzten Jahren Erstaunliches getan.

Bis Anfang der 1980er Jahre nahmen in mindestens zwei Dutzend Erhebungen Nadelwälder den zweiten Rang in der Beliebtheitsskala ein. Demgegenüber fungierten Laubwälder mit nur 10 % und weniger Zustimmung als Schlusslicht im forstlichen Schönheitswettbewerb. Spätestens seit Anfang der 1990er Jahre rangieren dagegen die Laubwälder klar vor den Nadelwäldern.

Hier hat das „Waldsterben“ seine Wirkung getan, von dem zuerst die Tannen- und Fichtenwälder betroffen waren. Das hat die waldliebenden Deutschen derart ins Mark ihrer Naturliebe getroffen, dass der Begriff „Waldsterben“ sogar Eingang ins Vokabular unserer verblüfften EU-Partner England und Frankreich fand. Damit gewann nicht zuletzt auch die Öko-Debatte an Fahrt, die sich unter anderem massiv gegen eine rein wirtschaftliche Nutzung des Waldes wandte.

Nach Ausweis einer Repräsentativbefragung von 2.800 Deutschen werden dem Nadelwald vorzugsweise die Eigenschaften „Monokultur“, „Sagen und Märchen“ und „Forstwirtschaft“ zugeordnet. Abgesehen vom urdeutschen Waldmythos, welcher die (un)heimliche Seite des Waldes betont, spiegelt sich hierin lediglich die wirtschaftliche Seite der Holzproduktion wider, die zum Leidwesen der Forstleute gar zu gerne zugunsten harmonieträchtigerer Bilder verdrängt wird.

Der beliebte Mischwald steht dagegen vor allem für „Natürlichkeit“ sowie für „Pflanzen und Tiere“, auch wenn er sich hierin de facto kaum vom Nadelwald unterscheidet. Hinzu kommt das Feeling „Urlaub und Erholung“ sowie die Assoziation „Deutschland“. Die Mischung ist es also, was den Wald insgesamt so sympathisch macht – einschließlich der darin enthaltenen Nadelbäume. Der reine Laubwald bleibt dagegen im zeitgenössischen Waldbild merkwürdig profillos.

Welche bedeutsame Rolle hierbei das bloße Wunschdenken spielt, zeigen umfangreiche Interviews mit Hamburger Waldbesuchern. Gezielt auf die Umstellung auf naturnahen Waldbau angesprochen, war dieser Umstand 78 % den Betroffenen noch gar nicht aufgefallen. Vom Rest konnten nur 6 %, insgesamt gesehen also nur 1% aller Waldbesucher, angeben, welche Änderungen in Richtung von „mehr Natur“ ihnen besonders aufgefallen seien. Wer in den Wald geht, sieht also offenbar gar nicht so hin. Maßgeblicher erscheint vielmehr das Gefühl, sich in einem schönen Wald zu befinden und damit dem Paradies vorübergehend ein Stück näher gekommen zu sein.

Link-Tipp

Weitere Details zum Thema unter www.natursoziologie.de



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Ausgabe 151

März/April 2010