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In der Frängischen: Kolumne von Manuel Andrack

Ausgabe 153 – Juli/August 2010

Know How

Ich war mal wieder wandern, mit Christian. Christian war früher Profi beim 1.FC Köln und kommt aus Forchheim, nördlich von Nürnberg. Wir wanderten in seiner Heimatregion, in der fränkischen Schweiz, oder, wie es hier kurz und knapp heißt, in der Frängisch

Der Autor, Manuel Andrack
Der Autor: Manuel Andrack

Den Ausdruck Fränkische Schweiz gibt es erst seit 1829, als es langsam Mode wurde, alles was felsig daher kam, nach Helvetien zu benennen: Die Luxemburgische, die Holsteinische, die Sächsische usw. Die Fränkische Schweiz hatte, bevor sie Fränkische Schweiz genannt wurde, einen anderen Namen: Gebürg.


Christian und ich starteten in Gasseldorf mitten im Gebürg, unterhalb eines Berges mit dem eher maritimen Namen Hummerstein. In Veilbronn, einem malerischen Weiler im Tal der Leinleiter, sah ich den ersten mächtigen Felsen der Frängischen. Das war eine meiner Anforderungen an diese Tour gewesen, das, was ich hatte sehen und erfahren wollen. Erstens Felsen gucken, denn was ist eine “Schweiz“ ohne Felsen? Und zweitens fränkisches Bier genießen.

Hinter dem Ort Stücht, nachdem wir auf einem nicht mehr sehr felsig-schweizerischen Hochplateau gewandert waren, stießen wir auf den Brauereiwanderweg. Es gibt eine Vielzahl von Wanderwegen im Gebürg, die sich mit dem Thema Bier und Brauereien beschäftigen. Christian und ich wollten die Brauereiwanderung von Aufseß testen. Vier Brauereien dieser Tour liegen auf dem Grund und Boden der Gemeinde Aufseß mit 1.400 Einwohnern. Damit haben es die Aufseßer mit der weltweit größten Brauereidichte der Welt ins Guiness-Buch der Rekorde gebracht. Die erste Brauerei erwartete uns unterhalb der Burg Unteraufseß. Im Gasthaus Rothenbach tranken wir nicht nur köstliches Bier, das im Halbliterkrug Seidla heißt, sondern erhielten auch einen Brauerei-Wege-Wanderpass. Mit diesem Dokument konnte man sich in allen vier Brauereien einen Stempel abholen und bekam dann eine Urkunde, die den Wanderer/Biertrinker zum “Fränkischen Ehrenbiertrinker der Weltmeisterbrauereien” adelt. “Bierehrentrinkerurkunden” gibt es selbstredend erst ab einem Alter von 16 Jahren. Aber für die Kleinen war auch gesorgt. Für sie gibt es die “Brauereiwegbegleiterurkunden”. Nur echt mit dem Brauereiwegbegleiterurkundenstempel.

Es fiel schon einigermaßen schwer, sich von den Bänken im Brauereigasthof Rothenbach zu erheben. Nicht, dass wir schon angetrunken gewesen wären, nein, aber man hätte doch durchaus noch das eine oder andere Bier verkosten mögen. Aber die nächste Brauerei wartete, und nach einem dezenten Anstieg hinauf aus dem Aufseßer Tal sahen wir über einen Hügel hinweg schon das Kathi Bräu. Ein überragendes Gefühl, denn die Gefahr einer massiven Unterhopfung drohte. Als ich im Kathi Bräu mit Christian einkehrte, ließen wir uns direkt an der Eingangstür neben dem Kachelofen nieder, auf dem Tisch ein kleiner Plastikbaum. Am Nebentisch wurde ein solider Schafskopf gedroschen, ein Spiel, dessen Regelwerk ich noch nie begriffen habe.

Nach dem pechschwarzen Bier im Kathi-Bräu ging es über geschwungene Pfade schwebend unter Bierdrogeneinfluss zur nächsten Brauerei in Hochstahl und später zur letzten Brauerei in Sachsendorf. Dort beschlossen wir, uns trotz der kältetechnisch sportlichen Temperaturen draußen niederzulassen. Das Bier schmeckte mal wieder vorzüglich, und während ich so dasaß und das Hopfengebräu aus dem Gebürg seine Wirkung tat, dachte ich, dass es doch ein Geschenk des Himmels ist, in Franken Bier trinken zu dürfen. Köstliches Selbstgebrautes, und das auch noch zu einem sensationellen Preis. 1,80 €, 1,90 €, 2,00 €, mehr zahlten wir nirgends. Der Franke würde rebellieren, wenn das Bier teurer wäre, erklärte mir Christian. Und da wurde mir mit einem Schlag klar, warum die Fränkische Schweiz touristisch vielleicht noch etwas Nachholbedarf hat. Denn das Gasthaus hat für den Franken eine ganz andere Bedeutung als in anderen Regionen Deutschlands. Hier sind die Preise (nicht nur für das Bier) derart moderat, dass es kein Luxus ist, sich regelmäßig ins Gasthaus zu begeben. Wenn die Seidla nur wenig mehr als die Flasche Bier vom Supermarkt kostet, warum sollte man sie dann nicht im Gasthaus trinken? Wenn das Rindersteak mit Gemüse und Pommes und Beilagensalat unter 10 Euro kostet, warum sollte man es dann daheim braten? Und wenn denn die Gasthäuser so gut gefüllt sind mit Einheimischen, warum sollte man sich dann noch Touristen ans Bein binden? Aaaber: Da habt Ihr Euch schön geschnitten, liebe Franken, denn ich werde überall verkünden, quasi missionarisch, wie genial es sich bei Euch Wandern, Essen, und Bier trinken lässt. Prost!



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Ausgabe 153

Juli/August 2010