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Eisvögel, Fließgewässer, Ökokonten und Verrohrung: Kolumne von Manuel Andrack

Ausgabe 154 – September/Oktober 2010

Know How

Seit kurzem bin ich Pate eines Wanderwegs in der Eifel-Gemeinde Hellenthal. Da man sich ein wenig um sein Patenkind kümmern muss, habe ich mich natürlich schlau gemacht und bin in die Nordeifel, nahe der belgischen Grenze gefahren. Der Weg verläuft im Tal

Der Autor: Manuel Andrack
Der Autor: Manuel Andrack

Inzwischen habe ich mir, eigentlich als Flora- und Fauna-Legastheniker bekannt, einiges über den Eisvogel angeeignet. Ich kannte den Eisvogel bisher nur als Werbetier einer mittelhessischen Biersorte, wahrscheinlich hat der arme Piepmatz noch nicht einmal Tantiemen für die Mitwirkung an diesem Werbespot bekommen. Ich weiß inzwischen, dass sein Name nicht von EIS kommt, sondern von EISERN. EISERN, wegen der blau-metallic Färbung seines Gefieders.


Es gibt auch eine andere Geschichte über die Färbung seines Gefieders. Der Eisvogel war nämlich mal grau, oh ja, und hatte sich bei Noah auf die Arche geschmuggelt. Ein ziemlich nutzloses Tier, oberflächlich betrachtet. Aber Noah hatte den damals noch namenlosen Piepmatz entdeckt und befahl ihm, den Kundschafter zu machen. Er sollte so weit fliegen wie er konnte, um zu sehen, ob es schon eine Ende wäre mit der Sintflut. Und der Vogel flog und flog und flog, so hoch und so weit, dass er vom Himmel die blaue Färbung und von der Sonne einen schönen Sonnenbrand am Bauch bekam. Übrigens hörte die Sintflut dann doch irgendwann auf und der Eisvogel wollte das pflichtbewusst dem Noah melden, fand aber die doofe ARCHE nicht mehr. Total verpeilt! Und seitdem saust er an jedem fließenden Gewässer hinauf und hinunter, damit er den Noah findet. Auch in Hellenthal.


Aber sehen, sehen kann man ihn höchst selten. Er ist nämlich auch scheu. Das Bambi der Lüfte. An der Preth tummeln sich außer dem Eisvogel manche Tierarten, die sich lange nicht mehr in der Eifel haben blicken lassen: Fischotter, Luchs und Biber. Ich habe ein wenig Sorgen, dass der Kollege Biber dem kleinen Eisvogel demnächst den Rang abläuft. Der Biber im Preth-Tal nagt und knabbert und knuspert, die spitz abgenagten Baumstümpfe kann man echt nicht übersehen. Aber der Biber selbst bleibt unsichtbar. Nur im Dunkeln mit Nachtsichtgerät ist er zu orten. Hoffen wir mal, dass der Biber zum Beispiel für die Kinder nicht irgendwann spannen-der wird als der Eisvogel. Eine schreckliche Vorstellung wäre, dass der Eisvogelweg in Hellenthal 2011 in Biberweg umbenannt würde.


Ich wandere an der Preth. Paff. Ein Knall im Wald. Jäger? Oder will ein Landwirt den Problem-Luchs Brüno erlegen, weil der ihm die Schafe fledderte? Falsch. Ein belgischer Soldat (Wallone, Flame?) zündet im nahen Truppenübungsgelände eine dicke Granate. Die Grenze ist nur drei Kilometer entfernt.


Wandern macht schlauer und so erfahre ich während meiner Wanderung im Preth-Tal, was es auf sich hat mit der Renaturierung.So können z.B. die auf den ersten Blick harmlosen Teiche ziemlich fies sein. Der Ökologe sagt, die stören den zügigen Wasserlauf, weil Teiche eben eher ein Steht-so-rum-Gewässer sind und man will doch unbedingt die Fließgewässer haben. Damit eben die Eisvögel kommen. Und dann kommt der Biber, staut das fließende Gewässer und dann wird es ein Biberteich. Komplizierte Natur. Und ganz schlimm, lerne ich, ist die Verrohrung. Dass Verrohung doof ist, wissen wir ja längst. Aber auch die Gepflogenheit früherer Jahre, Flüsse und Bäche in Rohre zu zwingen, ist ganz und gar dem ökologischen Gedanken zuwider. Da wird viel Geld in die Hand genommen, um die Verrohrung in eine Verbrückung umzuwandeln.


Und wer zahlt das alles, wer hat so viel Geld? Die Gewerbetreibenden und feinen Herren Investoren zahlen das, wenn sie zum Beispiel mal wieder einen Parkplatz für eine Million Hellenthaler Autos vorm Lidl bauen möchten. Dafür zahlen die Bodenversiegler aufs Ökokonto. Das Ökokonto heißt nicht nur einfach „Konto“ und ist virtuell, nein, da ist echt harter Cash drauf, und davon wird die ganze schöne Renaturierung finanziert. Und dann kommt eben der Eisvogel wieder.


Schön, wieder eine Menge gelernt über Eisvögel, Fließgewässer, Ökokonten und Verrohrung, es lohnt sich eben, das Pate-Sein.



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Ausgabe 154

September/Oktober 2010