© Klaus-Peter Kappest

Ortstermin – Mit Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin von Thüringen

Ausgabe 154 – September/Oktober 2010

Know How

Vor der Wandertour zur Eröffnung des 10. Thüringer Wandersommers am 19.6.2010 sprach Wandermagazin-Chefredakteur Michael Sänger auf dem Meininger Marktplatz mit Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht.

Setzt sich ehrenamtlich fürs Wandern ein: Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht
Setzt sich ehrenamtlich fürs Wandern ein: Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht

Wandermagazin (WM): Wandern, so heißt es, ist eine Ihre Leidenschaften. Wieso? Und wie dokumentiert sich diese Leidenschaft?

Christine Lieberknecht (CL): Für mich bedeutet Wandern Freiheit und freie Bewegung in der Natur. Hier habe ich die Möglichkeit, den Alltag einfach fallen zu lassen. Wandern bedeutet für mich aber auch, dass ich mich auf die Ursprünglichkeit und die Verbundenheit des Menschen mit der Natur und der Landschaft besinne. Beim Wandern kann ich die wunderbare Kultur- und Naturlandschaft am besten genießen. Zuallererst hier bei uns in Thüringen – Thüringen ist ein ausgeprägt schönes Wanderland. Aber selbstverständlich möchte ich auch neue Wanderrouten und Landschaften außerhalb meiner Heimat kennenlernen.

WM: Sie sind seit 1995 Präsidentin des thüringischen Landesverbandes im Verband der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine, zehn Jahre Ministerin im Thüringischen Kabinett, fünf Jahre Präsidentin des Thüringer Landtags und vier Jahre Vorsitzende der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag. Mal ehrlich, wie viel Zeit bleibt zum Wandern?

CL: Dieses Ehrenamt übe ich sehr gern aus. Zum Beispiel nehme ich als Präsidentin an allen großen Veranstaltungen meines Landesverbandes teil. Hier engagiere ich mich mit ganzer Kraft. Die Thüringer Wanderfreunde haben natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung, dass ihre Präsidentin ein Stück des Weges mitgeht. Sie sehen, ich habe mehr Möglichkeiten zum Wandern als andere Ministerpräsidenten. Sonst bleibt dafür leider nur der Urlaub.

WM: Hesse schreibt über das Wanderglück: „Setze dich nieder, wo du willst, auf Mauer, Fels oder Baumstumpf, auf Gras oder Erde: überall umgibt dich ein Bild und Gedicht, überall klingt die Welt um dich her schön und glücklich zusammen.“ Wie lautet Ihre Definition?

CL: Ich halte es mit Elizabeth von Arnim, ihre Definition vom Wanderglück lautet: „Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit.“

Michael Sänger im Gespräch mit Christine Lieberknecht
Michael Sänger im Gespräch mit Christine Lieberknecht


WM: Wandern, so heißt es, sei nicht nur eine Sache für sinnliche und empfindsame Menschen, auch als vernünftiges Wesen komme der Mensch auf seine Kosten. Nietzsche schrieb sogar, nur der ergangene Gedanken habe einen Wert. Vielleicht aber beeinflusst schon der Rhythmus des Gehens das Denken. Was meinen Sie?

CL: Wandern ist auf jeden Fall ein schöner Gleichklang von Körper und Seele. Wandern ermöglicht ein stärkeres Wahrnehmen der Natur und führt über die Reflexion zur Selbstreflexion. Mir fällt da ein schönes Goethe-Zitat ein: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“

WM: Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller soll immer wieder mal das ganze Kabinett zum Wandern bringen. Eine denkbare Option für Sie?

CL: Das gilt auch für Thüringen. Ich denke da vor allem an einen ganz besonderen Ort in den Hohen Tauern – die Thüringer Hütte in 2.240 Metern Höhe, die man nur wandernd erreichen kann. Die Fahrmöglichkeiten enden etwa 800 Höhenmeter tiefer im Tal. Da die Mehrzahl der Thüringer Kabinettsmitglieder auch Wanderfreunde sind, ist nicht auszuschließen, dass man sich gelegentlich dort trifft. Das war in der Vergangenheit oftmals schon der Fall.

WM: Eine der Losungen der Thüringer Tourismus GmbH ist es, Wanderland Nr. 1 werden zu wollen. Was macht Thüringen in dieser Absicht so sicher und was sind die Trümpfe?

CL: Hier in Thüringen haben wir eine wunderbare Verbindung von Natur- und Kulturlandschaft, die in dieser Dichte mitten in Deutschland und Europa einzigartig ist. Wir haben eine sehr aktive Wanderbewegung, die ein sehr gut ausgeschildertes Wegesystem pflegt und unterhält. Und wir haben in Thüringen die größte Dichte an zertifizierten Wanderwegen in Deutschland. Die Verbindungen von Wanderbewegung und Tourismus sind sehr gut, insbesondere die Zusammenarbeit mit der Thüringer Tourismus GmbH. Zum 10. Mal eröffnen wir heute gemeinsam mit der Tourismus GmbH und der Wanderbewegung den Thüringer Wandersommer hier in Meiningen.

WM: Gibt es einen Masterplan für das Ziel „Thüringen Wanderland Nr. 1“?

Christine Lieberknecht  (5. v. r.) mischt sich nicht nur zum Auftakt des Thüringer Wandersommers 2010 unters Wandervolk
Christine Lieberknecht  (5. v. r.) mischt sich nicht nur zum Auftaktdes Thüringer Wandersommers 2010 unters Wandervolk

CL: Es gibt eine umfassende Strategie der Touristiker mit den Wanderfreunden – unser gemeinsames Ziel ist es: Wir wollen Wanderland Nr. 1 in Deutschland werden! Wir wollen in diesem Jahr zum Beispiel 10 Millionen Übernachtungen erreichen. Da sind wir dicht dran. Vornehmlich kommen Gäste in unser Land, die größtes Interesse an den Schönheiten der Thüringer Landschaft, der regionalen Küche, an unserer Gastfreundschaft und an den Wanderwegen haben.

WM: Bewandert die thüringische Ministerpräsidentin auch das Ausland und wenn ja, auf welchen Tourenschatz können Sie blicken?

CL: Viele Wanderungen führten mich durch die Alpen, zum Beispiel ist das Tannheimer Tal in Tirol für Familienwanderungen zu empfehlen oder – ich hatte es schon genannt – die Thüringer Hütte in den Hohen Tauern, aber auch Südtirol schätze ich sehr.

WM: Drei erfüllende Tourentipps der thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht für die Leser des Wandermagazins?

CL: Der Thüringer Rennsteig ist der Klassiker unter den deutschen Wanderwegen – ein Muss! Ich empfehle aber auch den Hochrhöner. Und auch der Südharz bei Neustadt ist sehr zu empfehlen.

WM: Testfrage: Die erste Strophe des Rennsteigliedes von Karl Müller beginnt wie?

CL:
„Ich wandre ja so gerne....“

WM: Zum Abschluss eine Frage, die an Ihre Kochkünste geht: Kartoffelrouladen, so habe ich gelesen, sei unter den thüringischen Kartoffelgerichten, die Sie gerne kochen, der Favorit. Was sagen Sie jemandem, der bereits selbst beim zehnten oder zwölften Versuch, Thüringer Klöße zu kochen, kläglich scheiterte und jeweils eine thüringische Röstilösung zur Ehrenrettung fabriziert hat?

CL:
Zunächst einmal haben Sie sehr gut recherchiert. Thüringer Klöße bedürfen der Kartoffelstärke. Sie müssen aber auch richtig und vollständig ausgepresst werden. Apropos, Meiningen ist die Geburtsstätte der Thüringer Klöße. Hier können Sie sich Rat aus erster Hand holen.



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