© Klaus-Peter Kappest

Wild Wild West: Mit Riesling zum Donnerbalken

Ausgabe 154 – September/Oktober 2010

Deutschland

Trekking im Pfälzerwald. Das Lagerfeuer prasselt, am Himmel funkeln die ersten Sterne, um uns herum herrscht die geheimnisvolle Stille des Waldes. Nur das leise Flüstern des nahen Baches und die Rufe der Nachtvögel sind zu hören.

Ein Becher Wein am Lagerfeuer

Von dem faszinierenden Auf und Ab des Tages erschöpft, sitzen wir vor den bunten Leichtzelten und genießen eine Flasche Pfälzer Wein, die wir aus den vollgepackten Trekking-Rucksäcken gezaubert haben. Ein trockener Riesling 2007. Im Bach gekühlt. Wahnsinn! Morgen früh geht es wieder weiter. Drei weitere Trekkingtage, mehr als 50 km und viele Höhenmeter, liegen noch vor uns. Wie schön!

Gibt‘s nicht!

Foto: Sara Sun Hee Schuh & Christian Martischius
Foto: Sara Sun Hee Schuh & Christian Martischius

Was sich wie die Schilderung einer Camp-Idylle inmitten der Wildnis Alaskas oder Kanadas anhört, lässt sich mitten in Deutschland erleben. Das von der UNESCO anerkannte Biosphärenreservat Naturpark Pfälzerwald stellt mit 1.771 km² das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands dar. Es erstreckt sich, nur eine halbe Stunde Fahrtzeit von den Industriekomplexen des pfälzischen Ludwigshafens entfernt, entlang der Rheinebene zwischen Worms, Ludwigshafen und Wörth, bis an die französische Grenze.

Verbindet man mit der Pfalz doch landläufig nur idyllische Weinorte, urige Waldgaststätten, deftigen Saumagen und Rieslingschorle aus Halblitergläsern, so kann man hier seit 2009 ein Abenteuer der ganz besonderen Art erleben: Trekking pur! Wild Wild West im Südwesten der Republik.

Donnerbalken und Holzfeuer

Im wilden, wilden Westen... Foto: Sara Sun Hee Schuh & Christian Martischius
Im wilden, wilden Westen... Foto: Sara Sun Hee Schuh & Christian Martischius

Der Verein Südliche Weinstrasse e.V. errichtete in Kooperation mit den Forstämtern und Ortsgemeinden sieben Trekking-Camps mit Platz für jeweils sechs Zelte. Daher besteht erstmals die Möglichkeit, ganz legal inmitten des Naturparks Pfälzerwald die Nacht zu verbringen.

Weit weg von Campingplätzen, Gasthäusern oder Ortschaften, in der Tiefe des Waldes, breitetsich schnell eine gemütliche Lagerromantik aus. Die einfachen Camps, mit Feuerstelle und eigenem Klohäuschen ausgestattet, liegen zwischen der Kalmit in Höhe von Neustadt a.d.W. und der Ruine Guttenberg im Dahner Felsenland.

Dazwischen, je nach Wegwahl, warten zwischen 70 und 100 Kilometer Trekkingvergnügen pur. Die nötigen Utensilien, von Isomatte bis Kochtopf, von Streichhölzern bis Stirnlampe, von Besteck bis Wein, tragen Er oder Sie auf dem Rücken. Die Freiheit ist grenzenlos.

Neuer Wein und Esskastanien

Der Herbst verzaubert den Pfälzerwald und die Weinberge der Pfalz auf virtuose Weise. Für ein Trekkingabenteuer ist der Herbst vielleicht die beste Zeit. Überall wird jetzt der süße Neue Wein angeboten, und man kann sich während des Wanderns die Taschen mit reifen Esskastanien füllen.

Die schwül-heißen Tage des Sommers sind endlich vorbei und die munteren Anstiege des größten Waldgebietes in Deutschland können bei gemäßigten Temperaturen in Angriff genommen werden.

Waldlager im Verborgenen

Die verschiedenen Camps liegen an ganz unterschiedlichen Orten und nie direkt an offiziellen Wanderwegen. Mal schlägt man sein Zelt auf einem Bergrücken mitten im Wald auf, mal campiert man unweit von Wiesen und Bach im Tal.

Der Pfälzerwald wird nie langweilig. Laubwald wechselt sich ab mit ausgedehnten Kieferbeständen, die in Kombination mit dem sandigen Boden fast mediterranen Flair aufkommen lassen. Von der Großen Kalmit, der mit 673 m Höhe ü. NN höchsten Erhebung des Pfälzerwaldes, lässt sich z.B. die gesamte Rheinebene bis hin zu den Ausläufern des nördlichen Schwarzwaldes überblicken.

Die genaue Lage der Camps erfährt nur, wer sich offiziell anmeldet und eine Erlaubnis (permit) erhält.

Straußwirtschaft by the way

Felsensteig, Foto: Sara Sun Hee Schuh & Christian Martischius
Felsensteig, Foto: Sara Sun HeeSchuh & Christian Martischius

Wem Ruhe und Abgeschiedenheit während der Tour zu viel werden, der unternimmt einen Abstecher zu einem der vielen Weinorte entlang der Haardt. Das ist die weinselige Ostabdachung des Pfälzerwaldes zur Rheinebene. Die Abstecher sind dank des weitverzweigten und perfekt ausgeschilderten Wegenetzes problemlos realisierbar. Mit Karte, Kompass oder GPS-Gerät navigiert sich der Deutschland-Trekker durch das Gelände.

In malerischen Hinterhöfen und gemütlichen Weinstuben werden Pfälzer Delikatessen und Weine angeboten. Hier herrscht pfälzische Geselligkeit. Man setzt sich nur ungerne alleine an einen Tisch, sondern sucht das Gespräch mit dem Tischnachbarn. Auch die Weihen der Geschichte „küssen“ den interessierten Wanderer auf Schritt und Tritt.

Zahlreiche Burgruinen, vor allem die Stauferfeste Trifels bei Annweiler und das Hambacher Schloss bei Neustadt, erzählen von der bewegte Historie. Keineswegs nur pfälzische Geschichte! ...
www.trekking-pfalz.de



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Ausgabe 154

September/Oktober 2010