© Klaus-Peter Kappest

Natur ohne Barrieren: Wandern trotz Handicap

Ausgabe 155 – November/Dezember 2010

Deutschland

Ca. 60 Millionen Menschen in Deutschland kommen regelmäßig in den Genuss der freien Natur. Ob Spaziergang, Wanderung oder Trekkingtour – Hauptsache entspannende Natur. Und es könnten noch mehr sein, denn viele Menschen mit Behinderung sind in ihrem ganz e

Allen Integrationsbemühungen zum Trotz, das touristische Angebot für geh- oder sehbehinderte Menschen, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, ist ernüchternd bescheiden. Während sich im Städtetourismus vielbesuchte Sehenswürdigkeiten, Stadthotels und Kultureinrichtungen auf Besucher mit Behinderungen eingestellt haben, sieht es in den naturorientierten, vorwiegend ländlichen Regionen Deutschlands und ihren Infrastrukturen doch wirklich mager aus.

Warum sollten aber die natürlichen Schätze, die Mittelgebirge, die Küsten- oder Hochgebirgsregionen nicht auch für jene Menschen erlebbar sein, die sich angesichts irreparabler Beeinträchtigungen nicht ohne Hilfe bzw. Hilfestellungen in der Natur bewegen können?

Barrierefrei Wandern ist dabei noch das kleinere  Problem. Spätestens beim Besuch einer Wanderhütte, des örtlichen Verkehrsamtes oder der allermeisten Gasthäuser sind die Barrieren unübersehbar. Egal, ob mit Infotafeln in Blindenschrift oder mit Audiobeiträgen für Sehbehinderte, ob mit barrierefreien Bohlenstegen, Wald- und Baumwipfelpfaden oder Aussichtstürmen für Gehbehinderte – die Natur wird vielerorts auf oftmals innovativem Wege ein Erlebnis für alle! Die Nordeifel, einschließlich des Nationalparks Eifel, ist ein Vorreiter in Sachen Barrierefreiheit.

Natur für Alle: Barrierefreie Eifel

Bohlensteg am Palsen bei Mützenich, Foto: Naturpark Nordeifel e.V.
Bohlensteg am Palsen bei Mützenich, Foto: Naturpark Nordeifel e.V.

Der Naturpark Nordeifel zeigt, was Barrierefreiheit heißt, und hat in einem Förderprojekt acht Schutzgebiete in der nordrhein-westfälischen Eifel unter dem Ansatz der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung, ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern entwickelt. 

Naturerlebnis in der Eifel, das heißt über farbenfrohe Wiesen und weite Heiden schauen, sagenumwobene Moore bestaunen, kristallklare Flüsse erblicken und lichtdurchflutete Wälder durchstreifen. Im Rahmen des europäischen Naturschutzprogramms Natura 2000 sind viele dieser traumhaften Naturräume und die zahlreichen Pflanzen- und Tierarten jetzt für Alle erlebbar! Alle bedeutet auch wirklich alle: ob hör-, seh- oder gehbehindert – jeder soll in den Genuss des Abenteuers in freier Natur kommen. Grenzen waren gestern, die Freiheit ist heute.

Vennhochfläche bei Mützenich

Palsen bei Mützenich, Foto: Naturpark Nordeifel e.V.
Palsen bei Mützenich, Foto: Naturpark Nordeifel e.V.

Das Mützenicher Venn an der deutsch-belgischen Grenze beherbergt mit Glockenheiden, Wollgras und Torfmoos eine ganz besondere Pflanzenwelt. Von einem barrierefreien Bohlensteg lässt sich die Flora und Fauna des Moores aus nächster Nähe bestens beobachten. Ein Aussichtsturm gibt den Blick über das Hochmoor und das angrenzende belgische Hohe Venn frei.

Urftaue

In der Urftaue bei Nettersheim tummeln sich vom Frühjahr bis in den Herbst hinein zahlreiche Schmetterlinge und andere Insekten. Auf der Aussichtsplattform am so genannten Römerweiher genießt der Besucher die Ruhe und Abgeschiedenheit an der Urft. Ebenfalls einen Besuch wert ist das Naturzentrum Eifel in Nettersheim, das unter anderem eine Ausstellung zum Mitmachen und ein Meerwasseraquarium mit Korallenriff beherbergt.

Heidemoor am Moorbach

Auf dem Moorpfad bei Dahlem, Foto: Naturpark Nordeifel e.V.
Auf dem Moorpfad bei Dahlem, Foto: Naturpark Nordeifel e.V.

Sie heißen Moorlilie, rundblättriger Sonnentau, Dreizahn und Sumpfveilchen. Die stolzen Protagonisten im Heidehangmoor bei Dahlem lassen sich von einem Bohlensteg, der den Besucher durch das Moor hindurch führt, bewundern. Mittelpunkt ist der durch Anstauung des Moorbaches ist ein kleiner Teich entstanden.

Kermeter im Nationalpark Eifel

Der Kermeter gehört zu den größten Laubwaldgebieten im Rheinland. Das Informationssystem im „Barrierefreien Natur-Erlebnisraum“ ist nicht nur für Menschen mit Behinderung geeignet. Durch den geschützten Laubwald, in dem auch seltene Wildkatzen beheimatet sind, geht es über ein barrierefrei erschlossenes Wegenetz zum Aussichtspunkt „Hirschley“. Der imposante Blick über den Rursee gehört zu den schönsten und beliebtesten Fernblicken im Nationalpark.

Gewässersystem der Ahr

Das Gewässersystem der Ahr beherbergt nahezu alle in Nordrhein-Westfalen vorkommenden Fledermausarten. Durch die enge Nachbarschaft von Sumpf- und Auwäldern, Röhrichten, Feucht- und Nasswiesen, Kalkmagerrasen und Buchenwäldern konnten sich weit über 200 seltene oder gefährdete Pflanzen- und Tierarten wie Veilchen-Perlmuttfalter, Eisvogel sowie zahlreiche Orchideenarten entwickeln.

Ruraue

Die Rur zwischen Obermaubach, Nideggen und Heimbach in der Eifel ist ein überwiegend naturnah mäandrierender Mittelgebirgsfluss mit Auencharakter. Er schlängelt sich munter durch das Rurtal mit seinen hoch ansteigenden, felsigen Buntsandsteinhängen. Entlang der barrierefreien Strecke finden sich immer wieder Spuren, die der Biber hinterlassen hat. Am Stausee in Obermaubach lässt sich an einer Fischtreppe die Fischwanderung beobachten.

Drover Heide

Die Drover Heide als Heimat seltener und gefährdeter Pflanzen- und Tierarten wie der Ziegenmelker, die Heidelerche und der Neuntöter fasziniert im Hochsommer alle Naturfreunde. Barrierefreie Führungen schärfen den Blick für seltene Urzeitkrebse und vermitteln spannende Hintergründe eines außergewöhnlichen Lebensraums. Von der hölzernen Aussichtsplattform hat man einen etwas anderen Blick auf die Offenlandbereiche der Drover Heide. ...


Weitere Infos: www.eifel-barrierefrei.de


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