© Klaus-Peter Kappest

Gelassenheit: Was wir von Tieren lernen können

Ausgabe 158 – Mai/Juni 2011

Know How

Haben Sie Stress? Damit sind Sie nicht alleine. „Stress zu haben“ gehört in unserer modernen Lebenswelt beinahe schon zum guten Ton. Das Leben auf der Überholspur treibt in Form neuer Krankheiten und Syndrome seine obskuren Blüten. Zum Burn-out als finale

Foto: iStock/Selahattin Bayram
Foto: iStock/Selahattin Bayram

Natürlich ließe sich an dieser Stelle über den Zustand der Gesellschaft spekulieren, über Zeitplanung und die Notwendigkeit, Wertvorstellungen zu überdenken und klare Prioritäten zu setzen. Vielleicht sollte man das Problem aber auch einmal aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Was machen eigentlich diejenigen richtig, die sich gar nicht vorstellen können, was Stress ist? Ein tierisch menschlicher Blick auf die LebensArt unserer vierbeinigen Verwandten.

Das richtige Tempo finden

Zugegeben: Für Gepard und Gazelle in der afrikanischen Savanne ist Schnelligkeit lebenswichtig – und der Schnellere gewinnt. Der Mensch hingegen kann ziemlich frei entscheiden, ob er sein Leben auf der Jagd, auf der Flucht oder vielleicht auch ganz anders verbringen will. Es lohnt sich, einmal andere Lebensweisen in den Blick zu nehmen, denn unter bestimmten Umständen führt die Entdeckung der Langsamkeit zu einem klaren (Über-)lebensvorteil. Sten Nadolny hat dies meisterhaft in einem brillanten Roman beschrieben. Es gibt jedoch Erdbewohner, die sich schon seit langem dem konsequenten Leben der Langsamkeit als ihrer persönlichen Stärke besonnen haben. Faultiere verbringen fast ihr gesamtes Leben mit dem Rücken nach unten an einem Ast hängend. Nur wenn es wirklich not tut, hangeln sie sich im Zeitlupentempo durch die Baumkronen der tropischen Regenwälder, die ihre Heimat sind. Dieser art de vivre verdanken die Tiere ihren Namen. Eine typisch menschliche Fehlinterpretation, denn Faultiere sind nicht faul, sie haben nur das optimale Tempo gefunden, um die Bedingungen ihrer Lebenswelt gekonnt für sich zu nutzen. Ihr nahezu regloses Verharren im dichten Blattwerk macht sie für Feinde praktisch unsichtbar. Und dabei wächst die Nahrung ihnen quasi in den Mund. Die Blätter der Bäume, ihre tägliche Hauptmahlzeit, sind zwar nährstoffarm, aber wenn man den Energieverbrauch drosselt, reicht es allemal, um zufrieden zu sein. Weniger ist eben manchmal mehr – und es reicht noch immer, um im entscheidenden Moment richtig loszulegen. Wird das Faultier doch einmal angegriffen oder sieht es Gefahr für sein Junges, kann es blitzschnell mit seinen langen Krallen zuschlagen oder mit seinen spitzen Zähnen beißen. Alles im Leben hat seine Zeit.

Die Neugier bewahren

Die Wiederkehr des ewig Gleichen erzeugt bei Zweibeinern in der Regel Überdruss. Ganz anders sieht das des Menschen liebster Weggefährte, der Hund. Jeden Morgen von neuem macht er sich wild schwanzwedelnd mit gleichem Enthusiasmus auf den gleichen Weg. Jeden Morgen von neuem werden die gleichen Bäume, die gleichen Häuserecken und die gleichen Mülltonnen mit Begeisterung inspiziert. Wie kann das sein? Es sind die kleinen Details, die sich ändern. Der Baum ist zwar der gleiche, aber er riecht immer anders, je nachdem ob die Sonne geschienen, ob es geregnet oder geschneit hat und natürlich je nachdem, wer im Laufe des Tages hier vorbeigekommen ist. Die Hausecke verändert sich zwar nicht, aber sie ist Träger von Botschaften, die andere hier hinterlassen haben. Und die Mülltonnen – die Mülltonnen sind kleine Universen der Sinneslust, in denen es jeden Tag von neuem ungeahnte Schätze zu heben gilt. – Die meisten Dinge sind eine Frage des Blickwinkels.

Meister der Gelassenheit

Katzen sind Meister der Gelassenheit. Das liegt vermutlich einerseit daran, dass Katzen mit der Gewissheit geboren werden, dass sie alles Gute, was man ihnen tut, allein durch den Charme ihrer Anwesenheit fünffach aufwiegen. Zu ihrem ausgeprägten Selbstwertgefühl gesellt sich jedoch eine Meisterschaft in der Lebensführung, die unter Zweibeinern maximal bei fortgeschrittenen Zen-Praktizierenden zu beobachten ist. Zen bedeutet (unter anderem), ganz im Augenblick zu leben, eins zu werden mit den eigenen Handlungen. Eine Katze, die auf der Lauer liegt, ist verkörperte Konzentration. Jeder Muskel ist gespannt, nichts kann den Blick ablenken vom Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie ist im Begriff zu springen, doch sie wartet den rechten Moment ab, Sekunden, Minuten, kleine Ewigkeiten kann sie verweilen. Und die Zeit steht still. Ist das Jagdfieber vergangen, widmet sie sich mit gleicher Hingabe der völligen Entspannung. Beobachten Sie eine schlafende Katze, und sie werden alles erfahren, was sie schon immer über Entspannung wissen wollten. Da liegt sie, weich dahin gestreckt über den warmen Boden und der Atem fließt in ruhigen, tiefen Wellen durch den Katzenkörper, der in den warmen Untergrund hineinzuschmelzen scheint, wie weiche Butter in warmen Toast. Die Muskeln sind völlig gelöst, und bleibt irgendwo eine kleine Spannung, so fällt sie ab bei einem sanften, genussvollen Strecken der Glieder.

Immer im Stress?

Versuchen Sie einmal, sich eine gestresste Katze vorzustellen. Was müsste sie tun, um einen solchen Zustand zu erreichen? Vielleicht folgendes: Soeben hat die Katze sich entschieden, ein Nickerchen auf der Sonnenterrasse zu machen. Doch anstatt sich wie geplant zu entspannen, geht sie die Liste der Dinge durch, die sie heute noch vorhat. Gleich wird wieder die Amsel durch den Garten hüpfen, und die Katze wird gezwungen sein, sie zu jagen. Die Erfolgsaussichten sind mehr als gering, aber sie wird aufstehen und jagen müssen – man unterliegt schließlich gewissen Zwängen (Autonomieverlust! Frustration!). Danach muss der komplette Garten markiert werden, denn gegen Mittag kommt Nachbars Kater um die Ecke und wird wieder versuchen, den eigenen Arbeitsbereich zu übernehmen (Die Konkurrenz ist hart!). Danach müssen Mäuse gejagt werden – Zielvorstellung mindestens drei (Leistungsdruck!) – die im Anschluss auf dem Wohnzimmerteppich zu drapieren sind, um dem Verwalter des Katzenfutters Wertschätzung und Loyalität auszudrücken. Es bleibt zu hoffen, dass, nachdem die Freudenschreie des Menschen verklungen sind, eine entspannende Rückenmassage folgt. Die wäre auch nötig (Aber nichts im Leben ist sicher!). Und in dieser Form ihren trüben Gedanken nachhängend, übersieht das gestresste Raubtier die Amsel, die mit aufreizend guter Laune im Garten herumhüpft und nach Regenwürmern pickt. Wenn sie sich erst stressen und dann mal wieder etwas richtig in den Sand setzen wollen, dann machen Sie es doch einfach genau so!



Weiter geht's in der Print-Ausgabe

Diese Ausgabe ist als Print­version vergriffen, unter www.united-kiosk.de aber komplett als epaper erhältlich.

Ausgabe 158

Mai/Juni 2011