© Klaus-Peter Kappest

Der, die, das Meininger? Eine theatralische Wandertour von Manuel Andrack

Ausgabe 160 – September/Oktober 2011

Deutschland

Meinigen ist eine kleine verträumte Stadt im Südwesten von Thüringen. Idyllisch gelegen an den Hängen von Rhön und Thüringer Wald im Tal der Werra, das innerdeutsche Dreiländereck Thüringen/Bayern/Hessen befindet sich in unmittelbarer Nähe.

Prolog

Ideen für originelle Wanderungen liefert  Autor, Wanderer und 1.-FC-Köln-Fan Manuel Andrack  im Wandermagazin in Serie.  Teil IV von „Andrack auf Tour“: Der, die, das Meininger?
Ideen für originelle Wanderungen liefert  Autor, Wanderer und 1.-FC-Köln-Fan Manuel Andrack im Wandermagazin in Serie. Teil IV von „Andrack auf Tour“: Der, die, das Meininger?

Provinz? Vielleicht. Aber Meiningen war vor über hundert Jahren eine Theatermetropole von Weltrang. Wie kam das? Vor 130 Jahren regierte in Meiningen Georg II. von Sachsen-Meiningen, einer von vielen Provinzfürsten des Deutschen Reichs. Dieser Georg hatte eine Vision, eine Theatervision. Ihm war das schwülstige Theater der damaligen Zeit ein Dorn im Auge, er schrie nach einer Sprechtheaterrevolution. Zunächst spielte die von ihm gegründete und finanzierte Theatertruppe in Meiningen, dann wollte Georg seine Theatermission der ganzen Welt präsentieren. Von 1874 bis 1890 reisten die Schauspieler aus Thüringen von Gastspiel zu Gastspiel. Man spielte in Hamburg, Berlin und München, man spielte in London, Wien und Moskau, eine USA-Reise war schon gebucht, musste nur wegen Erkrankung des Regisseurs abgesagt werden. Man nannte die
Theatertruppe nur kurz „Die Meininger”. „Die Meininger” veränderten die Theatergeschichte. Wird der Wanderweg „Der Meininger” auch die Wandergeschichte verändern?

Erster Akt

Der alte Georg II. von Sachsen-Meiningen weiß immer noch, wo es lang geht in Meiningen. Foto: Manuel Andrack
Der alte Georg II. von Sachsen-Meiningen weiß immer noch, wo es lang geht in Meiningen

Am Bahnhof von Meiningen geht‘s los, ich bin aufgeregt, so wie immer, wenn ich in einer neuen Stadt die (Wander-)Wege erforsche. Vorfreude kann man das auch nennen. Das Entree in die Stadt ist gigantisch, quasi das Theaterfoyer der südthüringischen Theatermetropole. Über eine Freitreppe schreite ich herab, vor mir breitet sich ein entzückender Park aus: der englische Garten. Mensch, denke ich, überall tolle alte Ruinen, aaaaber: die sind aber auf herzögliche Order hin künstlich angelegt worden. Egal, schön ist es auf jeden Fall.

Die Bogenbrücke am Schloss Elisabethenburg ist der Ausgangspunkt des „Meiningers“. Das Schloss habe ich schnell gefunden, nur wo ist diese Bogenbrücke? Die gepflasterte Bogenbrücke über die Werra, mit kunstvollem Geländer, liegt gut versteckt links hinter dem Schloss. Und dort beginnt „Der Meininger“. Eine Übersichtstafel der Extratour liegt zerbrochen/umgestürzt in der Horizontalen. Ein Drama kündigt sich an…

Zweiter Akt

Über diese Brücke muss man gehen, um den Start  des Wegs zu sehen. Foto: Manuel Andrack
Über diese Brücke muss man gehen, um den Start des Wegs zu sehen

Georg II. von Sachsen-Meiningen war theaterbesessen. Er führte selbst Regie, entwarf Kostüme und Bühnenbilder. Sein Credo war die Natürlichkeit. Theaterkunst sollte nicht gestelzt und künstlich daherkommen, sondern die Zuschauer in die Epochen entführen, in denen die Shakespeare- oder Schiller-Stücke spielen. Epochal waren Georgs Meiniger Prinzipien, 12 Thesen zum „neuen” Theater. Einiges klingt auch 130 Jahre später noch sehr modern: „Zeitgemäßes Theater ist Regietheater”, „Die Theaterfinanzierung ist die Pflicht der Gesellschaft”, „Ambitioniertes Theater basiert nicht auf der Leistung eines Stars, sondern auf der des Ensembles”. Sätze wie Donnerhall! Gelten sie auch für den Wanderweg „Der Meininger”? Natürlich, denn wer würde ernsthaft bestreiten, dass die Wanderwegefinanzierung eines Premiumwanderweges Aufgabe der Gesellschaft sei? Und viele Avantgarde-Wanderer recken schon lange die Faust in den Himmel und rufen: „Zeitgemäßes Wandern ist Wandern auf Premiumwegen.“ So, das musste doch mal gesagt werden.

Ich gehe steil bergan, durch den sogenannten Waldpark. Auch hier waren die Gartenbaumeister der Meininger Herzöge natureingreifend tätig. In der terrassierenden Anordnung lässt sich die Gartenbaukunst der alten Meister noch sehr gut erkennen. Ich erreiche das Diezhäuschen, eine Wanderhütte. Und hier geht der Vorhang des Meiningers mit einem großartigen Stadtpanorama erst richtig auf: die ganze Stadt wird zur Bühne. Links das Theater und der englische Garten, unten das Schloss, rechts die Altstadt mit der Stadtkirche.
Szenenwechsel: Ich gehe auf schmalen Pfaden durch sonnendurchflutete Felder, der Schritt wird leicht auf nadeligem Boden, es war eine gute Idee, nach Meiningen zu kommen. Dann gehe ich nach rechts, denke aber, gefühlt hätte der Weg links weitergehen müssen. Und merke auch schnell, dass hier etwas faul ist, kehre um, tatsächlich, ich hätte links gehen müssen, die Markierungen an den Bäumen zeigen es. Aaaaaber: Das Schild hatte mich in die falsche Richtung geführt. Irgendwer in Meiningen scheint etwas gegen diesen Weg zu haben: Die umgestürzte Übersichtstafel, die verbogenen Hinweisschilder, sehr mysteriös, sehr dramatisch.

Dritter Akt

Der Rest vom Fest der Habichtsburg. Foto: Manuel Andrack
Der Rest vom Fest der Habichtsburg

In Siebenmeilenstiefeln geht es weiter. Ich schaffe einen Kilometer in drei Minuten. Wie das geht? Nun, die Kilometerangaben beim „Meininger“ sind sehr auf- und abgerundet, da ist man erst einen Kilometer gewandert und nach der nächsten Wegbiegung (wenn man richtig geleitet wird) – schwupps, hat man schon zwei Kilometer auf dem Konto.
Szenenwechsel. Ich gehe auf einem Graspfad über eine saftig-grüne Wiese. Daneben eine rustikale Bank und ein Tisch unter schiefen Kiefern. Da könnten die Räuber von Schiller campieren. Oder die Soldaten von Wallenstein. Ich erreiche die Schaubachhütte, sie ist nicht begehbar, da sie gerade generalüberholt wird. Ein neuer Prospekt über Meiningen tut sich auf. Eher die Abteilung Schrebergärten und Plattenbauten.

Dann verlaufe ich mich endgültig, habe die Markierung verloren. Bin ich im falschen Film – oder muss man in einer solchen Theaterstadt fragen: Bin ich im falschen Stück? Immerhin habe ich meinen Orientierungssinn und so bekomme ich wieder den Anschluss an das rote M auf Weiß des Meiningers. Dieser Wanderweg scheint öfter seinen Text zu vergessen, weiß einfach nicht mehr, wie man einen Wanderer über seinen Weg führt. Dieser Wanderweg bräuchte einen Souffleur, auf wanderdeutsch übersetzt, einen Wegewart, der dem Weg die entscheidenden Passagen zuflüstert.

Vierter Akt

Die Aussicht vom Diezhäuschen. Foto: Manuel Andrack
Die Aussicht vom Diezhäuschen

In Theaterstücken sollte mehr gewandert werden. Ich meine damit nicht nur, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, als Hamlet mit dem Totenkopf auf und ab zu tigern. Ich meine richtiges Wandern. In Goethes Faust gibt es Ansätze. Da wird beim Osterspaziergang schön gewandert („Ich rat‘ euch, nach dem Wasserhof zu gehen“ – „Der Weg dahin ist gar nicht schön“). Und in Schillers Wilhelm Tell kann man sich den schönen Hohlweg vorstellen: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen, es führt kein anderer Weg nach Küssnacht”, spricht der Tell.

Die Theatertruppe Meiningens war berühmt für ihre opulenten Massenszenen. Im vierten Akt des Meininger Wanderwegs vermisse ich die riesige Wandergruppe, die mir singend entgegen schreitet und theatralisch grüßt. Schade, da wäre noch Potenzial beim Wandererleben drin gewesen. Man bräuchte geradezu einen Regisseur auf diesem Wanderweg, der das Geschehen in feste Bahnen leitet.

Ich erreiche die Burgruine Habichtsburg. Diesmal – davon gehe ich mal aus – sind es echte Mauerreste, keine künstlichen wie im englischen Garten von Meiningen. Viel ist nicht übrig geblieben von der Habichtsburg, vielleicht gerade eben die Reste der Besenkammer

Szenenwechsel: Ich gehe auf einem wunderschönen Graspfad unter krummen schlanken Kiefern. Wieder Szenenwechsel: Der Blick weitet sich, ich gehe auf einer Hochebene an Feldern entlang Richtung Dreißigacker, einem Dorf oberhalb von Meiningen. Der Weg zieht sich, es wird langweilig. Wie in einem Theaterstück, das vom Dramaturgen nicht ausreichend bearbeitet wurde. Man wird so leicht schläfrig, die Lider senken sich, Sekundenschlaf übermannt mich, man zuckt: Aufgewacht!
Ich bin in Dreißig-acker: Der Ort ist eine ganz andere Welt als das fürstliche Meiningen, eher so etwas wie das Bauerntheater einer Laienspielschar.

Fünfter Akt

Ich gehe weiter, nähere mich wieder dem Werratal und der Stadt Meiningen. Ich entdecke eine ganz neue Form des Wegevandalismus. Umgebogene Schilder, entfernte Schilder, umgestürzte Übersichtstafeln, das hatten wir schon. Jetzt ist das komplette Markierungszeichen geisterhaft übermalt. Es bräuchte einen Wander-Sherlock-Holmes, um die Täter dieser kompletten Zerstörungswut dingfest zu machen. Übrigens: Die Schilder der anderen Wanderwege um Meiningen herum sind alle in Ordnung.

Dann erreiche ich die Goetz-Höhle, nach ihrem Entdecker benannt. Der Entdecker war aber nicht der Leck-mich-am-Arsch-Götz, sondern ein Kaufmann aus Meiningen, der 1915 die Höhle entdeckte. Die Goetz-Höhle ist die größte begehbare Kluft- und Spaltenhöhle Europas. Das muss man sich mal vorstellen: die größte begehbare Kluft- und Spaltenhöhle Europas! Ich bekenne: ich bin ein großer Fan von Kluft- und Spaltenhöhlen. Jeden Abend vor dem Einschlafen denke ich an Kluft- und Spaltenhöhlen! In dieser Kluft- und Spaltenhöhle (der größten begehbaren Europas) sind Fledermäuse erwünscht und willkommen, und Fledermäuse, die das nicht wissen, werden durch ein kleines Metallschildchen darauf hingewiesen. Was aber, wenn Fledermäuse nicht lesen können? Hmmh.

Ich trinke in der Baude an der Höhle ein Meininger. Merke: DIE Meininger = Theaterleute, DER Meininger = Extratour/Wanderweg, DAS Meininger = ein nach herzöglichem Braurecht von 1860 gebrautes Bier. Ich esse ein Gericht mit dem merkwürdigem Namen „Armer Höhlenforscher”, das ist eine unfassbar große Portion Pommes mit Mayo und Ketchup. Diese Goetz-Höhlen-Baude ist quasi die Theaterkantine des Wanderwegs. Hier werden Gerüchte ausgetauscht, Theaterkritiker üben Lob und Tadel und hier wird schlecht über die Kollegen geredet. Großartig.

Epilog

Das war er nun, der Meininger. Gab es nach der Vorstellung Applaus, gab es Buh-Rufe? Um es mit dem großen Brecht zu sagen:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen


Und was ist nun mit dem Kritiker, nicht der vom Theater, sondern der Wanderwegekritiker? Diesen Kritiker spielt, würde ich mal sagen, der feine Herr Andrack. Und wie genau würde ich so eine Kritik schreiben? Mal überlegen. Ich würde, denke ich, etwa so anfangen: „Meiningen ist eine kleine verträumte Stadt im Südwesten von Thüringen. Idyllisch gelegen an den Hängen von Thüringer Wald und Rhön…”



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