© Klaus-Peter Kappest

Andrack on Tour: Vergesst Merkozy, hier kommt Armanuel

Ausgabe 163 – März/April 2012

Frankreich

In Schlettstadt steige ich aus dem Zug und freue mich auf ein neues Wanderabenteuer. Darf man überhaupt Schlettstadt sagen, auf dem Bahnhofsschild steht doch eindeutig Sélestat? Ich bin im Elsass. Oder doch „en Alsace”? Deutsch war das Elsass, dann franzö

Armanuel und Manuel Andrack
Manuel Andrack mit Armanuel

Armand, mein Gastgeber im Elsass, würde Schlettstadt sagen, nicht Sélestat, also sage ich auch Schlettstadt. Kein Mensch sagt hier Sélestat, sagt Armand, das französische Bahnhofsschild ist nur für „la France Interieur”, also die Franzosen da drinnen, hinter der Gebirgskette der Vogesen. Das mit dem „France Interieur” haben sich die Elsässer ausgedacht, weil nach dem letzten Krieg das Pariser Innenministerium alle französischen Départments betreute – nur das Elsass nicht. Das Elsass war eben nicht innen genug.

Ruinen – unsere Picknick-Kulisse. Foto: Manuel Andrack
Ruinen – unsere Picknick-Kulisse

Armand ist kein gebürtiger Elsässer. Geboren wurde er 1944 im Landkreis Tuttlingen, sein Vater war französischer Soldat. Er wuchs in Mali und Neustadt an der Weinstraße auf, eine europäische Biographie. Ich hatte Armand 2008 bei einer Wanderung des Schwäbischen Albvereins kennengelernt, Ortsgruppe Oberboihingen. Ich habe Armand direkt gemocht. Das muss man sich mal vorstellen, nach einer langen und anstrengenden Wanderung am Albtrauf holte Armand eine exzellente Flasche Rotwein aus seinem schweren Rucksack und überreichte sie mir als Präsent. Die hatte er die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt. Eine große Ehre, und seit dieser Zeit wurde aus Armand und Manuel Armanuel.

Man möchte sich am liebsten hinein legen. Foto: Manuel Andrack
Man möchte sich am liebsten hinein legen

Und so habe ich mich wie ein Kind gefreut, einer Einladung von Armand folgend endlich in seiner Heimat wandern zu dürfen. Wir starten die Wandertour an seinem Haus in Chatenois in der Nähe von Schlettstadt. Chatenois liegt am Fuß der Vogesen, die Franzosen nennen die Gebirgskette „Vosges”, gesprochen „Woosch”. Armand ist zu beneiden, denn er hat jeden Morgen eine wunderbare Aussicht auf seinen Hausberg, den Hahnenberg. Das nenne ich mal einen Hausberg, der steht wie eine Eins hinter dem Haus, formidable! Ich will auch mal einen Hausberg haben, wenn ich groß bin. Das könnte ein echtes Kriterium für einen Hauskauf sein, einen gescheiten Hausberg vor der Haustür zu haben. Der Hahnenberg ist das erste Ziel unserer Wandertour, nachdem wir den historischen Kern und die Stadtmauer von Chatenois hinter uns gelassen haben. In Chatenois sind alle Schilder zweisprachig. So heißt die zentrale Straße des Orts umständlich auf französisch „Rue du Marechal Foch“, auf elsässisch einfach „Häujptstross“. Und „Chatenois“ heißt auf elsässisch „Kaschteholz“, Kastanienholz. Die Kastanien sind auf unserem Wanderweg rund um den Hahnenberg in der Tat nicht zu übersehen. Es ist Ende September und jede Menge pelziger Kastanien liegen auf dem Boden herum. Ich denke, wie herzlos ist das von Armand, die süßen pelzigen Dinger mit den Füßen zu öffnen. Ich bücke mich, öffne eine mit den Händen, ein stechender, gigantischer Schmerz durchfährt mich. Ich kann machen, was ich will, ich bin eben kein richtiger Naturbursche. Wieder was gelernt. ...



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Ausgabe 163

März/April 2012