© Klaus-Peter Kappest

Gran Paradiso: Nationalpark im Aosta-Tal und Piemont

Ausgabe 167 – November/Dezember 2012

Italien

Der italienische Nationalpark Gran Paradiso liegt vollständig in den Grajischen Alpen (Westalpen). Benannt ist er nach seinem höchsten Gipfel, dem Gran Paradiso (4.061 m), der sich etwa im Parkzentrum erhebt. Es ist der einzige 4.000er, der vollständig au

Ein paradiesisches Vergnügen

Kuriose Lage unter Fels – die Kultstätte „Santuario di San Besso“ im Valle di Campiglia. Foto: Michael Kleider
Kuriose Lage unter Fels – die Kultstätte „Santuario di San Besso“ im Valle di Campiglia

Der Name Gran Paradiso (Großes Paradies) tauchte erstmals auf italienischen Karten des 19. Jh. auf. Und obwohl der Name den Nagel auf den Kopf trifft – zumindest aus der Perspektive der Wanderer, Alpinisten und Naturliebhaber – ist er lediglich eine Verfälschung des ursprünglichen, franko-provenzalischen Namens Grand Parei (ital.Grande Parete), was „Hohe Wand“ bedeutet. In der Tat ist es eine wilde und schroffe Gegend, die von hohen und spitzen Berggipfeln (bis zu 4.061 m) sowie tief eingegrabenen Tälern geprägt ist. Der vorherrschende Gneis sorgt für Gipfelketten mit schmalen, langen Graten und für steile Felshänge. In großer Höhe bedecken Gletscher die weniger steilen Flächen. Aufgrund der besonderen Geschichte dieser Region gibt es hier jedoch eine Reihe sorgfältig gebauter königlicher Jagdsteige und anderer historischer Wege, die es auch dem normalen Wanderer erlauben, sich in dieser spektakulären Hochgebirgslandschaft zu bewegen. Es ist ein tolles Erlebnis, den Nationalpark auf den alten Saumpfaden des Königs, die über 3.000 m Höhe erreichen, zu durchwandern. Der Nationalpark Gran Paradiso verfügt aber auch über alle anderen Attribute einer sehenswerten Alpenlandschaft: Karseen, Hochebenen, Wälder, Wasserfälle, weitläufige Alpgebiete sowie eine große Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren.    

Erst königliches Jagdrevier, dann Nationalpark

Vorne fluffiges Scheuchzers- (Alpen-)Wollgras (Eriophorum scheuchzeri), dahinter der Lago Rosset, darüber der Gipfel der Punta Basei (3.338 m, Valle dell‘Orco). Foto: Raffaella Miravalle*
Vorne fluffiges Scheuchzers- (Alpen-)Wollgras (Eriophorum scheuchzeri), dahinter der LagoRosset, darüber der Gipfel der Punta Basei (3.338 m, Valle dell‘Orco)

Wie andere Naturschutzgebiete in den Alpen geht auch der Nationalpark Gran Paradiso aus einem ehemaligen Jagdrevier hervor. Die Herrscher von Piemont und Savoyen nutzten das Gran Paradiso-Gebiet seit Jahrhunderten zur gelegentlichen Jagd, auch wenn es schwer zugänglich war.  Erst im Jahr 1821, als der Steinbock in allen anderen Gegenden der Alpen aufgrund schonungsloser Jagd schon ausgerottet worden war, und nur noch im Gran Paradiso-Massiv etwa 100 Exemplare überlebt hatten, wurde von den Savoyern die Jagd auf Steinböcke verboten. Dabei spielte nicht der Naturschutz, sondern die Sicherung der Jagdbeute für die Regenten eine Rolle. Im Jahr 1856 richtete hier der begeisterte Jäger Vittorio Emanuele II., ab 1861 König von Italien, ein königliches Jagdrevier (Riserva reale di Caccia) ein, das er beständig erweiterte. Zudem ließ er fünf Jagdhäuser (Palazzine di Caccia) und ein riesiges Netz aus Saumwegen (Mulattiere Reali) anlegen, um die Jagd zu erleichtern. Dies brachte der armen einheimischen Bevölkerung wichtige Arbeitsplätze, Geldeinnahmen und Schenkungen des Königs ein. Zugleich bedeutete der Umstand, dass nur noch der König und sein Gefolge hier jagen durften, für einen Teil der Fauna einen vorher nicht gekannten Schutz, und die Steinbock-Population konnte sich langsam erholen. So hat paradoxerweise die Jagdlust des Königs den Steinbock letztlich vor dem Aussterben bewahrt, und die ehemals königlichen Jagdsteige bescheren Wanderern heute panoramareiche Passübergänge.

Nationalpark Gran Paradiso – eine wahrlich hochalpine Landschaft. Foto: Archivio Fotografico Parco Nazionale Gran Paradiso
Nationalpark Gran Paradiso – eine wahrlich hochalpine Landschaft

König Vittorio Emanuele III., der ein nicht so begeisterter Jäger wie sein Großvater war, hat sich im Jahr 1919 bereit erklärt, dem italienischen Staat das Jagdrevier zu schenken, damit auf seinem Gebiet ein Nationalpark entstünde. Dabei sollte der Schutz der großen Vielfalt an Flora und Fauna, speziell aber des Steinbocks, im Vordergrund stehen. Im Dezember 1922 wurde dieser dann als der erste Nationalpark Italiens eingerichtet und schon 1923 wurde das Parkgebiet erstmals erweitert. Das Konzept ging auf: Bis 1934 erhöhte sich der Steinbockbestand im Nationalpark auf beinahe 4.000 Tiere. Einige Tiere aus dieser Population konnten in anderen Alpenregionen wieder angesiedelt werden, was letztlich den Bestand sicherte. 1979 wurde der Nationalpark letztmals um etwa 10.000 Hektar erweitert (Teile der Täler Orco- und Soana). Von da an hatte man eine gemeinsame Grenze mit dem französischen Nationalpark Vanoise.

Der Nationalpark Gran Paradiso heute

Die hochalpinen Touren im Gran Paradiso-Gebiet erfordern eine  gute Kondition und Schwindelfreiheit. Foto: Dario De Siena*
Die hochalpinen Touren im GranParadiso-Gebiet erfordern eine gute Kondition und Schwindelfreiheit

Die Aufgaben des Parks bestehen heute auch darin, das Gebiet auf umweltverträgliche Weise zu bewirtschaften. Im Besonderen gilt dies für die Wiederbelebung der Alpwirtschaft und die Förderung eines „sanften“ Wandertourismus. Speziell die wirtschaftsschwachen und von starker Abwanderung betroffenen Gemeinden der Täler Orco und Soana, im piemontesischen Teil des Parks, haben neue Perspektiven für die Zukunft dringend nötig. Nach wie vor bleibt aber der Naturschutz die Hauptaufgabe des Nationalparks, verbunden mit wissenschaftlichen Untersuchungen auf biologischem Gebiet, zur Klimaveränderung und zum Gletscherrückgang. ...


Infos zur Region:

www.turismotorino.org

www.pngp.it

www.parks.it/parco.nazionale.gran.paradiso/index.php



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