© Klaus-Peter Kappest

Zeichen setzen – Malen gehen

Ausgabe 169 – März/April 2013

Know How

Gegensätzlicher könnten die zwei nicht sein. Alexander, 34 Jahre junger Hobbyhandballer, verzieht keine Miene, während Friederike, 43 Jahre alt, ansteckend immer wieder lauthals loskichert. Ein Tag im Leben von zwei Wegemarkierern. Ein Tag im Leben derer,

Schreiben Sie das!

Friederike Preuß und Alexander Mohr. Foto: Wandermagazin/M. Sänger
Friederike Preuß und Alexander Mohr

„Vergessen Sie bitte nicht zu schreiben, dass wir im Winter normalerweise nicht malen gehen!“ Friedrike kommt aus Heppenheim, sie ist Bezirkswegemarkiererin im Odenwaldklub (OWK), einer von 58 selbstständigen Regionswandervereinen, die im Deutschen Wanderverband in Kassel Mitglied sind. Wir haben uns im Ringhotel Siegfriedbrunnen in Grasellenbach getroffen und ziehen gleich ins Gelände. Draußen liegt Schnee. „Farbe und Aufkleber können im Winter nicht trocknen“, erläutert Alexander. Da wäre man ja ewig unterwegs und die mit Pinseln aufgetragene Farbe würde tropfen. „Ich gehe im Winter auf Kontrolle, schließlich muss ich immer mal schauen, ob die mir anvertrauten örtlichen Wegemarkierer auf Zack waren“, sagt Alexander. Ich verstehe: Markieren ist eine Schönwetterangelegenheit. Gemalt wird, wenn es nicht regnet, geregnet hat und es hinreichend warm ist, damit die Farbe antrocknen kann bzw. die Selbstklebeschildchen auch ordentlich anhaften können.

Markieren beruhigt

Foto: Wandermagazin/M. Sänger
Foto: Wandermagazin/M. Sänger

Wieder bricht Friedrike in schallendes Gelächter aus. Sie erzählt von ihrem elfjährigen Dackel, der für die Hunde markiert, während Frauchen mit Körbchen und Rucksack ins Gelände zieht. „Mich beruhigt die Markiererei“, sagt sie. Man müsse alles in größter Ruhe machen. Raspeln, glätten, bürsten, Malschablone anlegen und mit dem Pinsel ausmalen – das erfordere einfach innere Ruhe ohne in Zeitdruck zu sein. Alexander nickt zustimmend. Der Groß-Umstädter Hobbywinzer (600-700 l Riesling bringt er in jeder Saison in die Flasche) betreut ein Wegenetz von rund 400 km Länge. Sieben örtliche Wegemarkierer unterstützen ihn. Den Löwenanteil markiert er allerdings selbst. Vereinsarbeit im OWK sei ihm quasi in die Wiege gelegt. Vater Werner Mohr war Geschäftsführer des Deutschen Wanderverbandes, betreut heute als zweiter Vorsitzender des Wanderverbandes das Schulwanderprojekt und hat viele Jahre auch die Vereinsarbeit im OWK mitgestaltet. „Bei dem Vater war doch klar, dass ich irgendwie zur Vereinsarbeit komme, ich bin ja von Kindesbeinen damit aufgewachsen.“

Die Körbchenträger

Foto: Wandermagazin/M. Sänger
Foto: Wandermagazin/M. Sänger

Wir wandern hinauf zum Siegfriedsbrunnen. Das markante rote N des Nibelungensteigs, ein gelbes L im gelben Kreis, zwei halbkreisförmige Signets mit den Zahlen 6 und 8 und einem kleinen G darüber weisen den Weg durch den fast noch unberührten Schnee. Die beiden stapfen, die Markiereruntensilien in Körbchen abwechselnd in der rechten oder linken Hand schaukelnd, bergan. „Die Markierung des Nibelungensteigs ist besonders aufwendig“, weiß Friederike. Das kunstvoll geschwungene N stehe auf einem weißen Spiegel, daher müsse man zur Markierung den Weg zweimal laufen: einmal für den weißen Spiegel und einmal für das rote N. Prüfend begutachten Alexander und Friederike eine für mich unauffällige Markierung. „Buchen sollst Du suchen“, prustet die Klavierspielerin lauthals. An Bäumen mit starker Borke sei jährlich Nacharbeit nötig. Auf Buchen halten die gemalten Zeichen länger. Manche Bäume seien auch schnell wachsend, so dass sich die Markierungen in Breite und Höhe verzögen. Dann heißt es überpinseln mit Umbra und neu malen. Auf einem breiten Forstweg packen die Ehrenamtler – mit 1,50 Euro pro Stunde und Fahrtkostenersatz ist der Lohn wahrhaft nicht fürstlich – ihre Körbchen aus. Säge, Bürste, Dreikant, ein Arsenal von verschieden dicken Pinseln. Kleine Farbtöpfchen, Schere, Selbstklebefolien, die verschiedensten Malschablonen – für jede Markierung mindestens eine – und Lappen. Zusammen wiegt das Markierer-Rüstzeug zwei bis drei Kilo.

Anerkennung ist der Dank

Mit den Markierern unterwegs war Wandermagazin-Chefredakteur Michael Sänger
Mit den Markierern unterwegs war Wandermagazin-Chefredakteur Michael Sänger

Warum man denn in einer Zeit, in der Dienst an den Mitmenschen keine erklärte Kulturtugend mehr sei, freiwillig in die Büsche ziehe, um anderen die Freizeit so angenehm und gefahrlos wie möglich zu gestalten, will ich wissen. „Mir reicht es schon, wenn ich bei meinen Maltouren anerkennende Blicke und strahlende Gesichter sehe“, gibt sich Alexander bescheiden. Friedrike hingegen meint,  sie habe letztlich von ihrem Vater gelernt, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Über 1.100 km Kilometer lang ist das von ihr betreute Wegenetz, davon markiert sie rund 200 km selbst. Die gelernte Buchhändlerin strahlt über beide Backen und schaukelt noch heftiger mit dem Körbchen: „Hier, diese Richtungspfeile bringen wir auch an“. ...



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Ausgabe 169

März/April 2013