© Klaus-Peter Kappest

Andrack wandert Klartext: Wutwanderer

Ausgabe 191 – November/Dezember 2016

Know How

In den letzten Jahren konnte man immer wieder lesen, auf was Menschen alles wütend sein können.

Sehr, sehr wütend. Sie können wütend sein auf Stuttgart 21, wütend auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin oder einfach wütend auf „die da oben“. Man kann aber auch anscheinend wütend auf Wanderwege sein. In meiner vorletzten Andrack-wandert-Klartext-Glosse hatte ich die segensreiche Erfindung von Premium- und Qualitätswegen, kurz Prädikatswegen, gewürdigt. Daraufhin erreichte mich Post von Wanderer Willi, der nach eigenen Aussagen seit 64 Jahren die ganze Welt erwandert. Willi findet diese Prädikatswege nicht so toll:

„Bei den vorgenannten Wanderwegen mühe ich mich oft durch hüfthohes, taunasses Gras, stolpere über Wurzeln, Steine und in Pfützen, bewältige Steigungen und Abstiege, die bei schlechtem Wetter unbegehbar sind, obwohl auf Sichtweite ein wunderbarer Forstweg verläuft.“

Tja, gegen das Stolpern, so habe ich das von meinen Eltern gelernt, hilft meistens, die Füße schön anzuheben. Ob nun Forstwege zum perfekten Wandervergnügen gehören, das sei mal dahin gestellt. Das ist, wie so vieles im Leben, Geschmackssache. Allerdings ist Willi anscheinend ein klassischer Anti-Kapitalist. Denn er vermutet eine Verschwörung der Gastronomie-Betriebe:

„Die Umwege sind offenbar nur geschaffen, um teure (zertifizierte) Wanderquartiere zu besuchen.“ 

Seufz! Lieber Willi, das wäre ja sooo schön, wenn viele zertifizierte Wanderquartiere an den Prädikatswegen liegen würden. Das ist doch genau das Problem, dass es meistens viel zu wenige sind! Oft haben Gaststätten und Hotels entweder ein Personal-, Nachfolge-, oder Qualitätsproblem. Nein, die oft auf den ersten Blick „unsinnig“ erscheinenden Schleifen und Schlaufen eines Premiumwegs haben einen anderen Sinn. Es soll durch diese Wege ein Naturerlebnis inszeniert werden, das Herz und Seele erfreut. Schon der englische Landschaftsarchitekt Kent wusste: „Die Natur verabscheut die gerade Linie“. Zum Schluss seines Briefs hatte Willi noch einen konkreten Auftrag für mich:

„Vielleicht können Sie als „Meinungsbilder“ etwas zur Entzauberung dieser Unsinnswege der Touristiker beitragen.“ 

Tja, da hat der Willi wohl versucht, mich in das Lager der Prexit-Befürworter zu ziehen. Die Prexiter wollen raus aus dem Premiumweg, sie wollen partout zurück in eine Wanderwelt vor den Prädikatswegen, als man sich noch verlässlich wegen schlechter Markierungen verlief und auf breiten Schotterwegen in endlosen Fichtenwäldern latschte. 

„Meine Feststellungen wurden mir von vielen Begehern der Wege bestätigt. Offenbar liegen hier Werbeversprechen und Empfindungen der Nutzer weit auseinander. Aber für die Macher stimmt die Kasse!“ 

Kleiner Logikfehler. Wenn die Prädikatswege den Wanderern nicht gefallen würden, würde ja auch nicht die Kasse stimmen. Entweder oder. Ich glaube, der arme Willi unterliegt dem Fehler der meisten wütenden Menschen, die davon ausgehen, ihre Meinung sei die Meinung aller. In diesem Falle die überwiegende Meinung des Wandervolks, denn die würden ja „mit den Füßen“ abstimmen. Wäre Willis Meinung tatsächlich die Meinung der Wandermehrheit, wäre das übrigens auch okay. Wer geschotterte Forstwege super findet, bitte schön, viel Spaß. Es wäre nur schön, wenn auch andere Meinungen gelten würden. 

Ich schrieb in diesem Sinne zurück, dass ich also seine Haltung zu dem Thema achten würde. Wie der Kölsche sagt, jeder Jeck ist anders. Darauf beschied mir Willi in einem weiteren Brief: 

„Da ich gerade ‚Der neue Tugendterror‘ von Thilo Sarrazin lese, wird mir klar, warum ich keine tiefgründigere Stellungnahme (von Ihnen) erwarten konnte.“

Wenn Ihr also in Zukunft einen Wanderer auf „wunderbaren Forstwegen“ trefft, der während des Gehens in Thilo-Sarrazin-Bücher vertieft ist und über Wurzeln, Steine und hüfthohes Gras auf Premiumwegen schimpft, dann könnte das Wutwanderer Willi sein.

Richtet bitte liebe Grüße von mir aus.



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