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Synthetischer Kälteschutz

Durch synthetische Wärme vor Kälte geschützt © Jack Wolfskin

Künstliche Wärme

Fleece war lange der Klassiker in der zweiten Bekleidungslage. Anders als bei Schlafsäcken war die Idee, synthetische Bauschfasern zu verarbeiten, bei Jacken lange keine Option. Das hat sich gewandelt. Mit Kunstfasern gefüllte Jacken sind heute ein Funktionsmuss auf Tour. 

Eines vorweg: Wärmen können die Kunstfaserjacken nicht, genau wie Daune oder Wolle. In der zweiten Lage wird isoliert. Für die Wärme ist der Mensch selbst zuständig. Der Körper braucht 37,7° C Temperatur, dann fühlt er sich wohl. Steigt die Körpertemperatur, nennt man das Fieber, sinkt sie, droht Hypothermie, also Unterkühlung – im schlimmsten Fall Erfrieren. Also umgibt man sich mit einer isolierenden Schicht. Dabei isolieren nicht dicke Materialien am besten, vielmehr ist stehende oder eingeschlossene Luft der beste Isolator. Je mehr Luft im Material eingebunden ist, desto besser die Isolation. Wolle ist ein traditionelles Isolationsmaterial bei Pullovern. 

Vielfalt und verbreitet: Fleece 

Laut dem amerikanischen Time Magazine ist Fleece eine der 100 wichtigsten Erfindungen des 20. Jh. Der Erfinder ist Polartec, noch heute der renommierteste und innovativste Fleecehersteller. Fleece ist technisch gesehen ein Wirkpelz, dessen Oberfläche geschnitten wird. Fleece ist leicht, weich, robust, warm, schnell trocknend und bügelfrei – also ideal für Aktivitäten draußen und im Rucksack zu transportieren. Anfangs gab es nur die Varianten Polar Plus und Polar Lite. Dann kamen Stretchvarianten, Mikrofleece, Highloft-Versionen, Strickfleece und unterschiedlichste Oberflächenstrukturen hinzu. Heute ist Fleece so vielseitig, dass man kaum glauben kann, dass das alles Fleece ist. 

Ursprünglich war Fleece die funktionelle Alternative zum Wollpulli oder Sweatshirt. Das gilt auch weiterhin, aber die klassischen Versionen sind aus moderner Sicht viel zu sperrig und schwer für unterwegs. Kuschelige hochbauschige (High-Loft) Fleece mit Struktur wiegen nur noch einen Bruchteil der ursprünglichen Varianten. Für sportliche Aktivitäten haben sich die Stretchfleece durchgesetzt, weil sie eine extreme Elastizität mitbringen und die Bewegungsfreiheit des Körpers kaum einschränken. 

Bauschfasern in Bekleidung 

Funktioneller als Fleece sind mittlerweile Jacken mit einer synthetischen Bauschfaser. Sie bestehen aus Voll- oder Hohlfasern mit starker Kräuselung, die endlos oder gestapelt zu einem luftigen Faserpaket (Vlies) verbunden werden – wie beim Kunstfaserschlafsack. Der Vorteil gegenüber Fleece: Bauschfasern sind noch leichter, komprimierbarer, atmungsaktiver, antiallergisch und isolieren noch besser. Hinzu kommt, dass Bauschfasern ein Füllmaterial sind. Außen und innen wird entsprechend ein faserdichtes Taffeta benutzt, das meist auch sehr windabweisend ist. So kann man unterwegs die eigentliche 2. Lage bei trockener Kälte auch als 3. Lage anziehen ohne auszukühlen. 

Und noch einen Vorteil haben diese kunstfasergefüllten Jacken und Pullis: Durch das glatte Obermaterial und den glatten Futterstoff – häufig identisch aus hochwertigem superleichtem Pertex Quantum – sind sie auch im Lagensystem ideal einsetzbar. Während Fleece oder Wolle z. B. im engen Ärmel sperren kann, rutschen diese Jacken oder Pullis leicht hinein und gewähren optimale Bewegungsfreiheit – also die perfekte Isolationsschicht für unterwegs. 

Die gängigsten Bauschfasern sind Primaloft, Microloft, Thermore, Climashield oder G-Loft, und zwar unterschiedlich dick, je nach benötigtem Isolationsgrad. Die normale Vliesdicke für die 2. Lage sind 40-60 Gramm in den Ärmeln und 80 bis 100 Gramm am Körper. Winterjacken können aber deutlich dicker sein – so wie dicke Daunenjacken. Anders als Daunenprodukte sind die neuen Jacken auch vegan. Thermore hat sogar ein Peta Tierschutzzertifikat erhalten. Bei sportlichen Aktivitäten isolieren diese Vliesstoffe aber meist zu sehr. Deshalb gibt es dafür spezielle Vliese mit deutlich besserer Atmungsaktivität, z. B. Polartec Alpha oder Primaloft Performance. 

Ebenfalls im Kommen sind sogenannte Hybrids, also Kombinationen von kunstfasergefüllten Jacken mit Fleece oder Daunen, etwa Primaloft Down Blend. Das Ziel: Die Produkte noch funktioneller zu machen. Gerne wird dann davon gesprochen „das Beste aus zwei Welten“ zu kombinieren, also die Unempfindlichkeit von Bauschfasern mit der Isolationskraft und dem unschlagbar geringen Gewicht von hochwertiger Daune. 

Umweltfaktor Kunststoffe 

Fleece besteht heute zu fast 100 % aus recyceltem Grundstoff. Polartec arbeitet seit 2010 mit dem Garnhersteller Unifi zusammen und nutzt Repreve100 Garn aus recyceltem PET. Eine Fleecejacke in Größe L benötigt dabei etwa 40 Flaschen, eine Fleecemütze etwa sechs. Drei Jahre nach Beginn der Zusammenarbeit verarbeitete Polartec schon 700 Mio. Plastikflaschen zu Fleece. Diese Zahl hat sich seitdem jährlich vervielfacht. Auch Bauschfasern lassen sich mittlerweile zu 100 % aus recycelten Materialien herstellen und finden sich etwa bei Primaloft und Thermore. Eine Jacke mit Thermore Ecodown besteht zu 100 % aus rececyeltem PET und recycelt etwa zehn Flaschen. Das ist eine neue Entwicklung. Noch vor ein, zwei Jahren ging man davon aus, dass man recycelte Fasern und virgine Fasern kombinieren muss, um die gewünschte Weichheit und Elastizität zu erreichen. Recyceltes Polyester spart Rohstoffe (Erdöl), entlastet Deponien, spart Energie. Recyceltes Polyester kann mittlerweile auch aus vielen anderen Kunststoffabfälle hergestellt werden und dann später erneut in den Kreislauf einfließen. Eigentlich ein Idealzustand. 

Die Kehrseite von Fleece ist das Mikroplastikproblem. Eine Waschmaschinenladung mit sechs Kilogramm setzt, bei 30 bis 40 °C gewaschen, laut einer Studie der Plymouth University bis zu 730.000 mikroskopisch kleine Synthetikfasern frei, die auch Kläranlagen nicht herausfiltern können. Die Folgen der Mikroplastikverbreitung sind noch unbekannt, daher wird weltweit geforscht, z. B. im Rahmen des Projekts „TextileMission“ des Förderschwerpunktes „Plastik in der Umwelt – Quellen, Senken, Lösungsansätze“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Das Augenmerk von „TextileMission“ richtet sich auf Fleece und sucht Alternativen dazu. Ein Lösungsansatz könnte Biopile sein, eine Faser, die zu 100 % aus der Holzzellulosefaser Tencel besteht und im Meerwasser biologisch abbaubar wäre. Zu den Partnern des Projektes zählen die Firmen Vaude, Adidas und Polartec. Bauschfasern sind hier eventuell auch eine Alternative. Viele Hersteller kommunizieren aber noch nichts. Thermore spricht allerdings davon, dass ihr Ecodown keine Mikroplastikpartikel freisetze. 

Was tun? 

Gegenwärtig gibt es für den Verbraucher gerade mal eine praktikable Möglichkeit: Polyesterbekleidung im Guppyfriend Waschbeutel waschen. Er hält Fasern im Beutel zurück, von wo sie im Hausmüll entsorgt werden können. Den Guppyfriend gibt es beim Erfinder Langbrett oder bei Jack Wolfskin. Damit kann jeder zuhause schon mal den ersten Schritt machen. 

Ralf Stefan Beppler

Ralf Stefan Beppler

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Erschienen in

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